KRAUTFLECKERL UND SOLITÄR-ERBSE

Ben will nicht mehr. Er hat ein fürchterlich schlechtes Gewissen deswegen. Irgendwie hat er das Gefühl, dass es von ihm erwartet wird. Alle seine Freunde tun es regelmäßig und prahlen damit. „Gestern, in der Bar“, „Neulich, auf dem Weg ins Kino“ oder „Täglich, nach der Arbeit und manchmal auch noch morgens“. Er lacht, klopft anerkennend auf Schultern und schämt sich leise.

Welche Ausrede er wohl heute finden wird? „Ich kann heut‘ nicht, ich fahr‘ noch Auto“ würde akzeptiert, aber er wohnt nur fünf Minuten Fußweg von der Stammbar entfernt, also fällt das weg. Mit Magenschmerzen hat er es schon versucht, aber da versuchen sie, ihn zu einem Kräuterschnaps zu überreden. Vielleicht geht er einfach heim, bevor den Anderen auffällt, dass er schon wieder an einem Tonic ohne Gin nippt. Er hat einfach keine Lust mehr sich zu betrinken.

Ähnlich schaut es bei Dominik aus. Schlechtes Gewissen, Ausreden, Scham. Ihm gehen schon langsam die Ideen aus, wie er verheimlichen kann, was ihm schon lange fehlt. Die Lust auf Sex. Dabei steht er auf Julia und findet sie schärfer als jede lockende Oligarchen-Nichte. Sie reden, lachen, unterstützen einander. Nur in Sachen Sex herrscht tote Hose. Er hat vor, mit Julia ehrlich darüber zu sprechen, weil die dauernde Lügerei, die schlägt ihm aufs Gemüt. Er plant, ihr vorzuschlagen eine Paartherapie zu beginnen. Schließlich möchte er Interesse und guten Willen zeigen. So ganz traut er sich aber nicht. Ihm wird übel und sein Kopf schmerzt. Wie kann ein richtiger Mann keinen Bock auf Sex haben?

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Foto: Illustration: Michael Otto

Was in der Diätologie einen schrecklich schlechten Ruf hat, scheint in der Paartherapie ein Dauerbrenner zu sein. Verbote. Wer während einer Diät ganz auf etwas verzichten soll, kann schon mal einen ordentlichen Heißhunger auf diese verdammte Verlockung entwickeln. Die Krautfleckerl der Tante Jolesch haben diesen Trick zum Prinzip gemacht. Wenn wenig da ist, schmeckt es umso besser. Riesenschnitzel-Vertilger vermuteten auch hinter der Nouvelle Cuisine der 80er eine ähnliche Methode. Eine Solitär-Erbse am Teller suggeriert Mangel und erhöht somit den Genuss. Also muss das ja beim Sex auch funktionieren. So wird lustlosen Paaren das verboten, was sie eigentlich wollen sollen. Wenn es verboten wird, so die Theorie, entwickelt sich das Begehren danach von selbst. Ich nehme dir was, was du eh nicht willst, weg, und – zack – du begehrst es plötzlich. Dieser Logik folgend, würde ein Fleischverbot die überzeugte Vegetarierin dazu verleiten, in jeden vorbeiwackelnden Schweinehintern zu beißen und die Prohibition würde aus Ben einen Trunkenbold machen.

Wenn Stress und Druck die Ursache für sexuelle Lustlosigkeit sind, dann kann dieses Konzept funktionieren. Zuerst fällt der Druck weg. Man darf ja nicht, also gibt es kein schlechtes Gewissen, wenn man nicht will. Durch den fehlenden Druck stellt sich Ruhe ein, es bleibt Platz für entspannte Zweisamkeit und daraus soll wieder Lust entstehen. Der große Nachteil ist, dass Dominik allein dadurch nicht lernt, Lust von selbst entstehen zu lassen. Nach einer vielleicht aufregenden Phase, flaut das Begehren wieder ab. Und damit geht alles von Vorne los. Eine endlose Sichselbstaustricksen-Schleife.

Ben will keinen Alkohol mehr trinken. Er ist gerne nüchtern und verzichtet freiwillig auf Übelkeit und Kopfschmerzen. Dominik fährt erstmal auf Urlaub. Alleine. Er grübelt nicht, erfüllt keine Pflichten und tut nur, was er gerade möchte. Laufen, auf der Luftmatratze liegen und Wassermelone essen. Auf einmal merkt er, dass seine Hand in Gedanken über Julias Rücken streicht. Ein schöner Rücken. Er freut sich schon darauf, sie wiederzusehen. Ganz ohne Verbote.

Lust & Liebe
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Martina Bucher ist Psychologin, klinische Sexologin und Kommunikationstrainerin. Sie begleitet Menschen bei Anliegen zu den Themen Sexualität, Bewusstheit und Genuss. Mit ihren Texten verknüpft sie ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft für Gastronomie.

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