IMMER IM RYTHMUS

Die Kellnerlehre hat Klaus Kirchauer seinerzeit im Klagenfurter Kaffeehaus Robert Musil absolviert. Heute führt er nur ein paar Gassen entfernt das lässige Café Ingeborg. Dazwischen liegt eine beschwingte Gastronomie-Karriere, die sich größtenteils außerhalb von Kärnten abgespielt hat.
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Foto: Romy Rainer Photography

Genf, Arlberg, Seefeld, München, New York, Hinterthal und Wien – so lauten die Schauplätze, an denen Kirchauer fast zwanzig Jahre lang seine Spuren als charmanter Gastgeber hinterlassen hat. In dieser Zeit hat sich auch sein Alter Ego DJ Barry Bahia entwickelt, der bevorzugt an Wochenenden in Erscheinung tritt. Kirchauer hat in seinem aufregenden Gastro-Leben (fast) nichts ausgelassen und ist vor 18 Jahren als Cafetier doch wieder in seiner Geburtsstadt Klagenfurt gelandet, wo wir ihn in seinem gemütlichen Café Ingeborg zu einem in jeder Hinsicht unterhaltsamen Gespräch getroffen haben.

Ist das Ingeborg nun ein Kaffeehaus, eine Cafeteria oder eine Third-Wave-Coffee-Bar?

Es ist vor allem einmal ein gemütliches Wohnzimmer, in dem sich unsere Stammgäste wie unter Freunden fühlen. Es wurde 1952 als damals erstes Espresso Kärntens gegründet und hat ein ganz anderes Publikum angesprochen als die klassischen Kaffeehäuser und Konditoreien der Stadt. Mir war es wichtig, den ursprünglichen Charme dieser Zeit zu erhalten und es dennoch zeitgemäß zu bespielen. Wie in einem klassischen Kaffeehaus ist das Frühstück für uns die wichtigste Mahlzeit. Bei uns stehen auch immer Blumen auf den Tischen, und es gibt ein breites Angebot an Tageszeitungen und Magazinen. Wir sind also ein Hybrid aus kleinem Kaffeehaus und Espresso-Bar – nur eine Barista-Coffee Bar sind wir dezidiert nicht. Für uns sind das gemütliche Ambiente und der Service genauso wichtig wie die Güte des Kaffees.

Und natürlich auch die Musik, die hier stets vom Plattenspieler kommt. Da lässt wohl Ihr Alter Ego DJ Barry Bahia grüßen.

Nein, gar nicht. Barry Bahia hat nur an den Wochenenden „Ausgang“, weil im Café Ingeborg die Musik ja nicht im Vordergrund stehen soll. Dennoch ist gute Musik ein integraler Bestandteil unseres Lokalkonzepts, aber wir spielen sie relativ leise. Im Rahmen unserer „Soulkitchen-Auftritte“ gebe ich als DJ Barry Bahia regelmäßige Gastspiele, die immer bei anderen Gastronomen stattfinden – jetzt im Sommer natürlich bevorzugt rund um den See.

Sie scheinen sich in Ihrer Heimatstadt sehr wohl zu fühlen. Seinerzeit wollten Sie nach Abschluss der Kellnerlehre aber nichts wie weg. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Als meine Tochter Romy ins Volksschulalter kam, bin ich im Jahr 2002 aus Wien zurück nach Klagenfurt gegangen, weil ich wollte, dass sie hier aufwächst. Ich hatte ein Angebot, das Café am Platzl als Geschäftsführer neu zu konzipieren, was uns auch gelungen ist, indem wir erstmals eine gehobene Frühstückskultur nach Klagenfurt gebracht haben. Als sich dann 2013 die Möglichkeit ergab, das Café Ingeborg zu pachten, habe ich zugeschlagen. Unsere Tochter ist mittlerweile als Fotografin in New York überaus erfolgreich. Ich lebe mit meiner Frau Nataleen immer noch sehr glücklich in Klagenfurt. Dass ich damals unbedingt wegwollte, hat ja nichts mit Klagenfurt an sich zu tun, aber mit 18 Jahren will man etwas erleben und die Welt erobern. Ich habe mir ein Buch mit den berühmtesten Hotels dieser Zeit besorgt und die für mich attraktivsten Häuser angeschrieben. Vom Intercontinental in Genf kam die erste Zusage, also bin ich dorthin gegangen.

Das klingt jetzt nicht wahnsinnig begeistert. Hat Ihnen Genf nicht gefallen?

Es war schon okay, aber ich musste erst noch zu mir selbst finden. Aber ich habe viel gelernt und es war eine gute Basis für meine nächsten Schritte, denn so ein Name macht sich im Lebenslauf natürlich sehr gut. Ich bin dann auf den Arlberg und war ein paar Jahre lang im Tümmlerhof in Seefeld, der damals ein großartiges Haus war. Ich habe dort immer die Bar gemacht, wobei das damals in den Urlaubshotels ein Tagesgeschäft war, wo vor allem Kaffee und Kuchen und keine fancy Cocktails gefragt waren. Mir hat das aber total getaugt, weil das genau das war, was ich ursprünglich gelernt hatte und in gewisser Weise auch heute noch am liebsten mache.

Und dann ging es in ein Hotel nach München – aber ohne Kaffee und Kuchen, oder?

Das war stressig, aber lässig. Ich habe mich im Sheraton Arabella in der Nähe des damaligen Flughafens Riem als Night-Manager beworben, allerdings ohne genau zu wissen, was dabei eigentlich zu tun ist. Die Bezahlung erschien sehr hoch, und ich dachte mir, man würde da in der Nacht eine ruhige Kugel schieben. Doch als Manager on duty bist du für das ganze Haus und das Wohl von 600 Gästen verantwortlich.
Manchmal galt es 250 Betten innerhalb von einer Stunde bereitzustellen, wenn es zu einer Flugverschiebung gekommen ist. Es gab ärztliche oder polizeiliche Notsituationen und viele andere Dinge, die dich in der Nacht auf Trab halten. Außerdem war ich für die tägliche Abschließung der Buchhaltung fürs ganze Haus verantwortlich. Ich habe mich da voll reingehaut und extrem viel gelernt. Als der GM im Jahr 1994 ins Lexington Hotel nach New York gegangen ist, hat er mich gefragt, ob ich ihn nicht als Assistant Manager begleiten wolle.

Und Sie haben natürlich Ja gesagt ...

Eh klar. Ich habe mich auch geehrt gefühlt. Erst später ist mir klar geworden, dass es nicht nur mein Einsatz und meine Verlässlichkeit waren, die er geschätzt hat, sondern auch die Tatsache, dass ich als nicht „unionised“ Manager deutlich billiger war als amerikanische Kollegen. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich eingelebt hatte, auch weil mein Englisch anfangs nicht so gut war. Mit meinem Einsatz habe ich mir dann aber schnell Respekt verschafft. Es gab da eine wirklich unglaubliche Geschichte, die mich noch heute erstaunt.

Erzählen Sie!

Mit einem simplen Kreditkartentrick hat uns ein Gast um 2.000 Dollar betrogen, und ich wurde dafür persönlich haftbar gemacht. Ich war verzweifelt und habe auf eigene Faust begonnen, Nachforschungen zu machen. Mir schien es naheliegend, dass er es mit der gleichen Masche im nächsten Hotel versuchen würde, also habe ich alle Hotels in der Gegend angerufen und gefragt, ob ein Gast mit diesem Namen eingecheckt hätte. Und siehe da, tatsächlich war der Gauner nur zwei Blocks weitergezogen. Ich habe die Polizei gerufen und den Cops meine Verzweiflung geschildert. Anstatt ihn nur festzunehmen, sind die Cops mit dem Betrüger und mir von Bankomat zu Bankomat gefahren, bis er die 2.000 Dollar für mich beisammen hatte. Erst danach haben sie ihn aufs Revier gebracht. Mein Chef hat seinen Augen nicht getraut, als ich zurückkam und ihm die 2.000 Dollar in bar gegeben habe. Danach habe ich dort alle Freiheiten gehabt.

Wow! New York war aber auch privat eine tolle Erfahrung, oder?

Yeah! Obwohl es ein bisschen teurer war, habe ich mir eine kleine Wohnung in Manhattan geleistet. Dort ist meine Liebe zur Musik so richtig aufgeblüht. Das Clubleben war zu dieser Zeit legendär, und auch die zahlreichen Live-Konzerte sind unvergesslich. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Kubaner, mit denen ich mich jeden Sonntag für ein paar Stunden im Central Park zum Trommeln getroffen habe. Soul habe ich ja damals schon viel gehört, aber über das Trommeln hat sich mir das Universum der Latino-Musik erschlossen. Es war eine unglaublich intensive Zeit, aber mit dem Auslaufen meines J1-Visums nach zwei Jahren ging dieser Traum zu Ende. Ich hätte danach nach London gehen können, aber irgendwie habe ich gespürt, dass ich ein paar Gänge runterschalten muss. Ich hatte ein bisschen Geld gespart und wollte eine Auszeit nehmen, also bin ich nach Fuschl am See gegangen und habe einen Bauernhof gemietet. Gejobbt habe ich in Salzburg im Salesbereich für die Lauda Air.

Nach Fuschl kam dann Wien?

Zuerst ging es noch ins beschauliche Hinterthal bei Maria Alm, wo ich in einem sehr exklusiven Haus als Guest Relation Manager für ein wirklich anspruchsvolles Publikum verantwortlich war und meine soziale Kompetenz in vielerlei Hinsicht einbringen konnte. Noch viel wichtiger war jedoch, dass ich dort meine Frau Nataleen kennengelernt habe. In einem kleinen Personalzimmer starteten wir ohne Geld, dafür aber mit einer kleinen gemeinsamen Tochter, unsere Zukunft, die uns nach Wien führte. Das Schicksal meinte es gut mit uns.

Vom Arbeiten in Hotels hatten Sie aber genug, oder?

Genau. Christian Cabalier, der heute die großartige Kochwerkstatt am Klagenfurter Benediktinermarkt macht, war damals Geschäftsführer in der Cantinetta Antinori und hat mich als Serviceleiter eingestellt. Das
hat zwar nicht lange funktioniert, aber über ein paar Umwege bin ich bei Luigi Barbaro gelandet, der damals
für Hans Schmid gerade die neue Sky Bar im Steffl aufgesperrt hat. Das war eine großartige Zeit. Hans Schmid ist ein echter Sir, und auch Luigi Barbaro schätze ich bis heute über alles. Es gibt nur wenige Gastronomen, die Professionalität und Menschlichkeit im Umgang mit den Mitarbeitern derart gekonnt unter einen Hut bringen wie Luigi Barbaro.

Dennoch wollten Sie dann retour nach Klagenfurt ...

Ich war dann noch zwei Jahre im neuen Restaurant von Toni Mörwald im Hotel Ambassador. Mit Küchenchef
Christian Domschitz und Serviceleiter Mino Zaccaria waren wir ein Superteam. Ein Stammgast aus Klagenfurt, der gehört hatte, dass ich wieder zurück in die Heimat will, hat mir angeboten, das Café am Platzl zu übernehmen und auf neue Füße zu stellen. Er wollte als Hauseigentümer das Café wieder in Schwung bringen. Ich wollte das wirklich perfekt machen, also habe ich Gerhard Bodner von meinem Lieblingslokal Bar Italia gefragt, ob ich unentgeltlich zwei Monate bei der Produktion von Tramezzini und anderen hausgemachten Köstlichkeiten mitarbeiten dürfte, um in Klagenfurt ein gleich hohes Niveau bieten zu können. Das hat auch von Anfang an funktioniert, und das Café am Platzl – übrigens das älteste Kaffeehaus der Stadt – war vom ersten Tag an voll.

Und doch sind Sie heute im Café Ingeborg. Warum?

Das Café am Platzl funktioniert noch heute wunderbar, was mich stolz macht, weil das noch immer mein Baby ist. Doch dort war ich nur Geschäftsführer, das Café Ingeborg konnte ich als Betreiber pachten. Über kurz oder lang wollte ich immer mein eigenes Ding machen und irgendwie passt das Ingeborg auch besser zu mir. Es liegt nicht ganz so prominent und ist irgendwie lässiger. Aber meinem Lieblingsthema Frühstück bin ich natürlich treu geblieben. Auch wenn Klagenfurt jetzt keine richtige Großstadt ist – es gibt schon Platz für zwei gute Frühstücks-Cafés.

Das Café Ingeborg hat bis 22 Uhr geöffnet. Wie bespielen Sie den restlichen Tag?

Wir haben tagsüber ein paar kleine Speisen und immer hausgemachte Kuchen. Im Laufe des Tages wird dann auch zunehmend Alkohol bestellt, aber ich achte ganz bewusst darauf, dass wir kein „Szene-Tschecherl“ werden. Bei uns sollen sich wirklich alle Gäste wohlfühlen – jung wie alt. Dieser bunte und äußerst harmonische Mix an Stammgästen hat auch dazu geführt, dass wir zwar nie total „in“, aber eben auch nie „out“ waren. Nach der verordneten Corona-Schließung waren wir vom ersten Tag an wieder so gut
besucht wie zuvor.

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»Wir bieten den Service eines klassischen Kaffeehauses im Ambiente einer Espresso-Bar aus den 1950er-Jahren«
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Es war einmal: Klaus Kirchauer mit Toni Mörwald, Mino Zaccharia und Christian Domschitz in legendären Ambassador-Zeiten

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Für uns sind das gemütliche Ambiente und der Service genauso wichtig wie die Güte des Kaffees.
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Wie in einem klassischen Kaffeehaus ist das Frühstück für uns die wichtigste Mahlzeit.
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Bei uns sollen sich wirklich alle Gäste wohlfühlen – jung wie alt.
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»Mein Großvater hat immer Trompete gespielt, in New York habe ich mit Kubanern stundenlang getrommelt. Beides war für die Entwicklung des DJs Barry Bahia wichtig«
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Bei uns stehen auch immer Blumen auf den Tischen, und es gibt ein breites Angebot an Tageszeitungen und Magazinen.
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WER & WO
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Kaffeehaus Ingeborg
Sterneckstraße 3
9020 Klagenfurt

Öffnungszeiten:
07:30 - 22:00

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