AB IN DEN SÜDEN

Es muss schon einen Grund haben, warum die kulinarische Dichte ausgerechnet in der Südsteiermark so hoch ist und die Nächtigungszahlen von Jahr zu Jahr beharrlich steigen. Wir begeben uns auf die Spur eines touristischen Erfolgsprojekts.
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Ausblick vom "Das kleine Wirtshaus" bei Lilli & Jojo
Foto: Das kleine Wirtshaus

Vor dem Mittagsservice und vor dem Abendgeschäft sieht man die Sommeliers gerne zusammenhocken. Einmal treffen sie sich auf der Terrasse der Vinea auf einen Espresso. Das andere Mal sitzen sie bei einem Schluck Gelben Muskateller von Sepp Muster in der Weinbank zusammen. In einer Region, in der die haubengekrönten Läden sich fast nahtlos aneinanderreihen, hält man wenig von Konkurrenzdenken. Auch an diesem Nachmittag ist es wieder so: Da treffen sich Holger Massner (Liepert’s Kulinarium), Christian Zach (Weinbank) und Christopher Pohn (Vinea) auf eine spontane Verkostungsrunde bei ihrem Kollegen René Kollegger, dem Sommelier im Weingut von Wolfgang Maitz. „Uns vereint die gemeinsame Aufgabe, den Winzern unserer Region eine Bühne zu geben“, sagt Zach, der als Ältester der Runde besonders darauf bedacht ist, „historische“ Erfahrungen zu teilen. Es ist genau dieser Zusammenhalt, der eines von vielen Erfolgsgeheimnissen der Südsteiermark markiert. Wie kaum anderswo trifft hier eine außerordentliche Qualität an Gastronomie, Landwirtschaft und Weinbauern auf ein Publikum, das genau diese Anstrengungen auch zu schätzen weiß. Daraus entwickelt sich eine Kraft, die wie ein Magnet immer neue Mitspieler in diesem kulinarischen Reigen anzieht. Allein in diesem Jahr erfreut sich die Südsteiermark über eine Vielzahl an höchstprominenten Neuzugängen: Harald Irka hat von Tom Riederer den Pfarrhof in St. Andrä im Sausal übernommen, Alexander Posch betreibt mit der Vinea in Ehrenhausen nun sein eigenes Lokal, Markus Rath ist zurück in seiner Heimat und im Schlosskeller am Seggauberg kreativ, und endlich hat auch der Niederösterreicher Joachim Gradwohl wieder eine fixe Bleibe – gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Lilli Kollar führt er jetzt das „Kleine Wirtshaus“ in Sulztal an der Weinstraße.

Wiener Publikum

Der ehemalige „Koch des Jahres“ von Gault&Millau (2007) hat sein neues Domizil ganz bewusst gewählt. Er weiß um die Anziehungskraft der Südsteiermark und vergleicht es mit jener Wirkungsstätte, in der einst sein Stern aufging: „Wir sind hier am besten Platz, genau wie damals im Meinl am Graben. Die Südsteiermark hat die besten Produkte, und es kommen auch genau die richtigen Leute her“, sagt Gradwohl. Gourmetküche auf höchstem Niveau war hier immer schon eine Selbstverständlichkeit und konnte aus diesem Grund auch wirtschaftlich überleben.

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Foto: Das kleine Wirtshaus

Die Weinbauern kannten diese Art von Kulinarik von ihren Reisen nach Frankreich. Zudem ebnet die Weinstraße den Weg für das genussaffine und finanzstarke Wiener Publikum. Das schlägt sich auch in touristischen Zahlen nieder: Mit mehr als 542.000 Nächtigungen, die sich auf 459 kleine Betriebe aufteilen, bejubelten die Südsteirer 2019 einen neuen Rekord, eine Steigerung um 43 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Und auch in den ersten Wochen nach dem Corona-Lockdown reißt der Andrang nicht ab. Die Südsteiermark ist so gut besucht wie sonst zum Saisonhöhepunkt im Herbst, wenn sich die Auto- und Oldtimer-Karawanen durch die lieblichen Orte entlang der Weinstraße schieben. „Derzeit ist nur der fehlende Geschäftstourismus spürbar. Die allgemeine Nachfrage zur Südsteiermark ist sogar noch stärker als vor Corona, wir haben unglaublich viele Anfragen und Buchungen“, sagt Martina Haselwander vom Steiermark Tourismus. 72 Prozent sind Inlandstouristen, vorrangig aus der Steiermark, Wien, Oberösterreich und Niederösterreich, etwa 19 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland.

Reizvolle Gegensätze

Sie finden hier eine Region, die sich zwar einheitlich vermarktet, aber doch sehr heterogen ist. „Die Frage ist immer, welchen Teil der Südsteiermark man betrachtet“, sagt Tina Veit-Fuchs. Obwohl die Weinberge des Südens seit acht Jahren ihren Lebensmittelpunkt darstellen, hat sich die Autorin noch einmal über mehrere Monate hinweg in die Region vertieft und im vergangenen Jahr das Buch „Genießen in der Südsteiermark – Entdeckungen entlang der Weinstraße“ herausgebracht. „Auf der Südsteirischen Weinstraße reiht sich wie bei einer Perlenkette ein Gustostückchen ans andere. Der Tourismus boomt. Das Sausal dagegen zeigt sich viel kleinstrukturierter und noch etwas ruhiger. Alles zusammen ist ein Gesamtkunstwerk.“

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47°: WIE WIR LERNTEN, DIE GEGENSÄTZE ZU LIEBEN: DAS IST DAS WESEN DER RARE STYRIAN CUISINE // rarestyriancuisine.at
Foto: 47 grad

Hierhin, ganz genau nach St. Andrä im Sausal, hat es Harald Irka verschlagen. Im aufwendig restaurierten Pfarrhof war zunächst noch ein Doppel mit Tom Riederer geplant. Der lässt Irka nun aber freie Hand und widmet sich gemeinsam mit seiner Frau Katharina einem neuen Projekt in Kroatien. „Die Menschen im Süden der Steiermark sind sehr aufgeschlossen für Neues und kommen ganz unvoreingenommen zu uns. Das ist sicher etwas, das den Erfolg dieser Region ausmacht“, sagt Irka, der auch Mitglied in der „47 Grad“-Gruppe ist, einer Vereinigung aus Köchen, die sich zum Grundsatz gemacht hat, eine authentische Küche zu forcieren und steirische Top-Produzenten zu stärken – vom Gemüsebauern bis zum Lammzüchter und natürlich den Weinbauern. Besonderer Fokus liegt auf Bio und biodynamischer Arbeitsweise. Kein Zufall ist es auch, dass diese Vereinigung von der Südsteiermark aus ihren Ursprung genommen hat. Denn vernetztes Denken traf hier immer schon auf fruchtbaren Boden.

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Bei Harald Irka im Pfarrhof
Foto: Karin Bergmann

Daher haben Gerhard Fuchs und Christian Zach, die Inhaber der Weinbank, im Jahr 2016 ein paar gleichgesinnte Köche zusammengetrommelt, damit man einander gegenseitig stärken kann. Heute vereint diese Gruppe neben den Südsteirern Manuel Liepert, Norbert Thaller, Harald Irka und Gerhard Fuchs auch noch den Südoststeirer Luis Thaller sowie Daniel Edelsbrunner aus Premstätten bei Graz. „Engstirnigkeit und Eigenbrötelei haben noch nie zu Erfolg geführt“, sagt Fuchs. „Wir sind unterschiedliche Charaktere, die aber dieselbe Leidenschaft teilen.“

Stimmiges Gesamtpaket

Natürlich ist es vor allem die Kulinarik, die die Menschen in die Südsteiermark lockt: 35 Gault&-Millau-Hauben versprechen großen Genuss, 180 Buschenschank-Betriebe bodenständig Deftiges, und mehr als 280 Weingüter machen klar, dass es entlang der jeweils 25 Kilometer langen Südsteirischen sowie Sausaler Weinstraße vorrangig ums Essen und Trinken geht. 900 Kilometer Wanderwege und 500 Kilometer Radwegenetz schnüren zudem ein hübsches touristisches Gesamtpaket. „Die Südsteiermark ist sicher eine Ausnahme in Österreich und vielleicht noch mit der Wachau zu vergleichen“, sagt Alexander Posch, der in Ehrenhausen die Vinea betreibt. Davor hievte er in Stainz im Schilcherland die Essenzz mit einer Auszeichnung nach der anderen in die Höhe – Gäste in diese Region zu locken blieb aber trotzdem ein schwieriges Unterfangen.

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Foto: 47 grad

„Das Schilcherland steht der Südsteiermark an Schönheit um nichts nach. Man merkt aber, dass hier im Süden alle an einem Strang ziehen. Das ist ein wesentlicher Unterschied“, so Posch. Und so kann es passieren, dass sich die regelmäßige Sommelier-Runde ab und an um ein paar Weinbauern vergrößert, die dann auch gern einmal hängen bleiben, während der Rest gut gelaunt zur Arbeit schreitet. Posch: „Die Lebenslust ist in der Südsteiermark nicht nur bloß ein Werbeslogan, sondern sie ist echt und überall zu spüren. Am Ende ist es genau das, was uns ausmacht.“

»Auf der Südsteirischen Weinstraße reiht sich wie bei einer Perlenkette ein Gustostückchen ans andere«

TINA VEIT-FUCHS Autorin

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Das neue Buch von
Tina Veit-Fuchs
2019 im Styria Verlag
€ 25,00, Hardcover
21 x 21 cm, 192 Seiten
ISBN978-3-222-13625-2

Joachim Gradwohl Lilli Kollar KLEINES WIRTSHAUS
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»Es fühlt sich gut an, wieder eine feste Adresse zu haben«

Joachim Gradwohl

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Markus Rath SCHLOSSKELLER
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»Mittags bleibt es bodenständig, abends wird es aufregend«

Markus Rath

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Alexander Posch VINEA
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»Tolle Weine inspirieren mich und führen zu neuen Gerichten«

Alexander Posch

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Ein großer Koch mit einem großen Herz für Wein: Alexander Posch

Harald Irka PFARRHOF
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»Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, lernt stets dazu«

Harald Irka

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