RÜCKBESINNUNG AUF DIE WERTE DER BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT

Und plötzlich war Corona da, zuerst belächelt und dann täglicher Begleiter unserer Gespräche und Gedanken. Auf einmal war die Welt ein surrealer Traum, und wir wünschten uns so sehr, dass wir bald aufwachen würden.
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»Der einzige Weg ist der Schritt nach vorne«
Foto: Luiza Puiu

Doch es war kein Traum, sondern der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, und wir sind mit der Frage konfrontiert, ob wir auf diese Zeit als Zeugen oder als Schöpfer einer neuen Zukunft zurückblicken wollen. Schaltet man heute den Fernseher ein, dann übersieht man gerne, dass die Welt aus mehr besteht als Corona. Was wir sehen, hören und was uns durch den Kopf jagt, ist eine Schreckensmeldung nach der anderen, und wann immer es scheint, als hätten wir die Gesundheit der Gesellschaft besser im Griff, taucht die Angst der Wirtschaftskrise auf. Ja, wir werden definitiv eine Krise erleben – da brauchen wir uns nichts vorlügen. Es ist besser, der Enttäuschung auszuweichen, indem wir uns jetzt nicht täuschen lassen und erkennen, was wir wirklich verändern können. Corona, das ist ein Brandbeschleuniger für alle Bereiche der Gesellschaft – angefangen von der Notwendigkeit, Digitalisierung vom Buzzword (Schlagwort) der letzten Jahre zu einem echten Teil unserer Wertschöpfungsketten zu machen oder endlich zu erkennen, dass unsere Gesellschaft von Menschen zusammengehalten wird, denen wir bisher zu wenig Würde und Wertschätzung geschenkt haben. Wir werden auf diese Zeit zurückblicken als die Phase unserer Geschichte, die uns Realismus gelehrt hat, und zwar die Fähigkeit zu erkennen, was Bestand hat und was wichtig ist.

Die Familie erfährt eine Renaissance der Moderne, und wir merken, dass man auch in einer Welt der Fülle etwas vermissen kann, was mit Geld nicht zu kaufen ist: Beziehungen und Zeit des Entdeckens.
Wer einige Tage – geschweige denn Wochen – in Isolation verbringt, für den ist ein Telefonanruf vielleicht der Lichtblick in einsamen Stunden. Wer in den eigenen vier Wänden plötzlich einen handgeschriebenen Brief bekommt, der erkennt, wie wertvoll geschenkte Zeit und Aufmerksamkeit ist.

Komm, bleib

In meinem Beruf reise ich ungefähr 150 Tage im Jahr, seit Corona betrachte ich die Postkarten der Orte, an denen ich arbeiten, leben und genießen durfte. Was ich spüre, ist eine Sehnsucht nach der Welt da draußen und auch, wenn ich gelernt habe nach innen zu blicken, so freue ich mich auf die Tage, an denen ich unsere Welt wieder erkunden darf. Seit kurzem wissen wir, dass Urlaub in Österreich Teil unserer Zukunft sein wird, und aus meiner Sicht kann den Österreichern und den Menschen, die in diesem wunderbaren Land leben, nichts Besseres passieren, als das eigene Land entdecken zu dürfen. Ja, die Grenzen werden noch länger zu sein, doch wenn der Tourismus im Land seine Pforten öffnet, geht es darum, Sehnsüchte zu stillen. Die Sehnsucht der Entdeckungslust, die Sehnsucht nach dem Neuen und die Sehnsucht, mit anderen Menschen in den Dialog zu treten. Auch wenn die Tourismusbranche im Augenblick die Schotten dicht hat, so hat sie eine Sache, die in Krisenzeiten immer hält: die Beziehung zu ihren Kunden. Jetzt ist die Zeit, in der unfreiwilligen Untätigkeit die Beziehungen zu den Kunden zu stärken, und wenn dies bedeutet, handgeschriebene Briefe zu schreiben, die Menschen anzurufen oder ihnen eine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Allerdings nicht mit dem Gedanken des Verkaufens, sondern mit der Absicht der Daseins. Die Menschen in Österreich werden nach den Lockerungen in unserem Land ausströmen wollen, um zu genießen, was immer schon vor ihrer Tür war, jedoch auf später aufgeschoben wurde: der Urlaub im eigenen Land.

Corona hat uns gezeigt, dass unser Begriff von Freiheit in Zeiten der Krise dehnbar ist, und hat dazu geführt, dass Menschen die freie Zeit draußen, beim Reisen oder Urlauben umso mehr genießen werden, weil sie wissen, wie vergänglich diese Freiheit beim nächsten Ausbruch sein kann. Wer nach der Öffnung des Tourismus in den Köpfen der Kunden die erste Anlaufstelle sein will, der muss in Krisenzeiten präsent sein – nicht fordernd, sondern authentisch. Jetzt ist die Zeit, sich die Frage zu stellen, was Menschen – die nach der Isolation wieder urlauben wollen – wirklich interessiert und wo man als Anbieter sein Alleinstellungsmerkmal ausspielen kann. Jetzt ist die Zeit, Geschichten zu erzählen und zwar in der digitalen Welt. Wenn ich auf meinen Reisen in ein Hotel komme, interessiert mich immer die Geschichte des Unternehmens und warum das Unternehmen tut, was es tut. Ich will wissen, wer die Menschen sind, die dem Haus Leben einhauchen, und ich will auch etwas über die harten Zeiten wissen, denn diese sind es, die den Charakter formen.

Freud und Leid geteilt

Social Media ist nicht nur gut, um Urlaube zu verkaufen, sondern in Zeiten der Krise ein wunderbarer Kanal, um authentische Geschichten zu erzählen und Einblicke zu geben. Es ist keine Schande, als Hotelbesitzer das Handy in die Hand zu nehmen und live auf Instagram oder Facebook über den Hof zu führen und währenddessen zu erzählen, was einen beschäftigt. Es ist keine Schande, die Menschen zu fragen, was sie sich denn nach der Lockerung der Isolation wünschen, und es ist keine Schande, dem Lehrling die Chance zu geben, über seine Erfahrungen im Betrieb zu erzählen. Ja, die Türen für Kunde sind zu, doch an jedem Betrieb hängen Schicksale, Geschichten und Hoffnungen – aber vor allem Menschen mit Ideen. Und die besten Innovationen sind immer in Krisen entstanden, wenn der Mensch mit dem Rücken zur Wand stand und der einzige Weg der Schritt nach vorne war.

Heute ist die Zeit, in der Führungskräfte ihre Mitarbeiter einbinden müssen, weil es mehr denn je gilt zu erkennen, dass jeder Mensch, der uns umgibt, eine Sache weiß, die wir nicht wissen. Corona zwingt uns zu einer neuen Art der Ehrlichkeit und der Kooperation, welche heute genutzt werden will. Oftmals höre ich, dass nur die großen Player die besten Ideen haben, um Kunden zu bekommen, doch erlebt habe ich, dass Regionen jeden Big Player ins Nirwana jagen, wenn die Betriebe sich z. B. als regionale Marke vereinen.

Corona ist gekommen, um zu bleiben, und genauso gewöhnen sich die Österreicher daran, dass Urlaub im eigenen Land das neue Reisemodell ist. Wer es schafft, diese neue Normalität mit Lust, Freude, Kreativität und Neugierde zu füllen, der wird nach der Isolation Kunden in die Augen blicken, die dankbarer nicht sein könnten. Die Tourismusbranche war immer schon eine Welt der Herzlichkeit, der Gastfreundschaft und der Beziehungen. Wer sich authentisch an diese Werte erinnert und sich in der Krise auf seine Stärken und sein Netzwerk besinnt und die Fähigkeit aktiviert, sich in die Lebenswelt der Kunden einzufühlen, der wird belohnt, da nichts für Kunden so wichtig ist wie das Gefühl, einzigartig zu sein.

ZUR PERSON
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Ali Mahlodji (geb. 1981 in Teheran) bezeichnet sich selbst als „Fehler im System“. Als Zweijähriger mit UN-Hilfe aus dem Iran in ein Flüchtlingslager bei Wien gekommen, begann er nach der Scheidung seiner Eltern stark zu stottern und brach schließlich die Schule ab. Er machte über 40 Jobs (darunter Putzhilfe, Kartenabreißer, Bauarbeiter und Apothekenaushilfe), holte nebenbei seine Matura nach und absolvierte ein Studium. Er wurde erfolgreicher Manager in der IT-Branche in US- und DAX-Konzernen. Nach einem Burnout wurde er Lehrer, anschließend folgte er einem Kindheitstraum und gründete die Website „Watchado“, um dem größten globalen Problem der Jugend – der Orientierungslosigkeit – zu begegnen.

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Auf der Informations- und Inspirationsplattform erzählen tausende Menschen aus über hundert Nationen in kurzen Videoclips, wer sie sind, was sie tun und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind. Die Geschäftsführung hat er inzwischen abgegeben, ist aber als Beirat weiter dort tätig. Er tritt als Speaker mit ca. 100 Keynotes pro Jahr auf. Daneben ist er EU-Jugendbotschafter, „EU Ambassador for the New Narrative“ und seit 2018 Trendforscher beim Zukunftsinstitut; dort hat er den „Work Report 2019“ geschrieben. Er erhielt mehrere Auszeichnungen uns ist seit 2019 Leiter „Bildung und Persönlichkeitsentwicklung“ in der Akademie für Potentialentfaltung von Prof. Dr. Gerald Hüther.
www.ali.do/ali
www.facebook.com/alimahlodji
www.whatchado.com/de

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Entdecke dein Wofür
Ali Malohdji:
Der Weg zu einem Leben,
das wirklich deins ist
224 Seiten, ¤18,50
ISBN: 978-3-8338-7251-8

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