MACHEN SIE LUST AUF „DANACH“!

Die aktuelle Krise betrifft uns alle. Niemand ist ausgenommen. Jedoch gibt es Gewinner wie auch Verlierer. Lassen wir das Wort „Verlierer“ etwas optimistischer ausfallen: Nennen wir es Unternehmen, die vor größeren Herausforderungen stehen, die innovativer denken bzw. umdenken müssen.
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»Gerade jetzt ist es wichtig, zu kommunizieren«
Foto: Clemens Schneider / Tierlicht

Gerade Hotellerie und Gastronomie treffen diese Zeiten besonders hart. Während andere Geschäfte öffnen dürfen, bleibt die Sperre der Restaurants, Gasthäuser und Hotels weiterhin aufrecht. Eine Situation, die für große Unsicherheit sorgt. Nicht nur aufseiten der Unternehmer und Betreiber, sondern auch aufseiten der Menschen, der Bevölkerung. Wir haben es mit einer Situation zu tun, die uns aus dem Bekannten gerissen hat.

Covid-19 ist ein unsichtbarer Feind, den wir noch nicht einschätzen können. Was aber können wir tun, um das Unternehmen zu retten und Menschen einen Anker zu geben? Die Krise beeinflusst, wie wir arbeiten, leben, reisen und kommunizieren und wie wir etwas kaufen. Menschen machen Erfahrungen, die ihr künftiges Konsumverhalten nachhaltig verändern und prägen werden. Wir suchen nach Lösungen. Wer seine Bedürfnisse ausleben möchte, wird kreativ. Plötzlich wird das Abendessen zu Hause zu einem Ereignis. Ein schön gedeckter Tisch, ein hübsches Service und stilvoll angerichtete Speisen zaubern das Gefühl eines schicken Restaurantbesuches herbei. Mömax hat dieses Bedürfnis erkannt und springt sogleich auf den Zug auf. In seinem Newsletter sendet er „Ideen für das Restaurant zu Hause!“.

Die neue Normalität mitgestalten

Menschen denken bereits jetzt darüber nach, was sie tun wollen, wenn die „neue Normalität“ eintritt. Ja, sie wollen raus, sie wollen wieder etwas erleben, sie wollen sich etwas gönnen und vor allem: Sie möchten wieder andere Menschen treffen. Möglicherweise werden sie dabei etwas mehr auf die Geldbörse achten. Dinge müssen einen Wert haben, im emotionalen Sinn. Menschen sind soziale Wesen, geleitet vom Motiv der Zugehörigkeit. Sie suchen den Anschluss zu ihren Liebsten und Freunden. Denn die sozialen Bedürfnisse wurden während der Krise stark zurückgestellt und wollen nun befriedigt werden. Was Unternehmer jetzt schon tun können, ist eine wertschätzende Beziehung zu bestehenden und potenziellen Kunden aufbauen. Viele Unternehmen und Marken beachten diesen Punkt zu wenig oder gar nicht. Wertschätzung bedeutet zum Beispiel, dass sie sich um ihre bisherigen Kunden kümmern, ihre Gäste betreuen und ihnen Impulse für die Zeit nach Corona liefern. Stellen Sie sich vor, Sie kommunizieren nur in guten Zeiten. Sie schicken Angebote und Packages, kommunizieren Menüpläne in Zeiten, in denen alles dem gewohnten Alltag entspricht. Was ist anders in Zeiten der Krise? Wie unterscheidet sich Ihr Angebot nun vom Mitbewerb? Die meisten Gastronomen und Hoteliers sind in der Schockstarre.

In einem Selbstversuch habe ich mehrere Hotels und Restaurants angeschrieben und nach Terminen im August gefragt. Das Ergebnis war erschütternd: Die Antwortzeit lag bei mehr als einer Woche, wenn überhaupt eine Antwort kam. Auf den Webseiten findet man selten aktuelle Ankündigungen oder gar Zuspruch für potenzielle Gäste. Jedoch ist es gerade jetzt wichtig zu kommunizieren. Überlegen Sie, welche Angebote Sie Ihren Kunden und Gästen machen können, die zu den „neuen Bedürfnissen“ der Menschen passen. Aktuell suchen Menschen vor allem nach der sozialen Verbindung nach außen, nach Möglichkeiten, das Wohlbefinden zu steigern sowie nach Unterhaltung gemäß den vorherrschenden Einschränkungen und Auflagen.

Welches Angebot können Sie schaffen, das zur aktuellen Situation passt und welches das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Wertschätzung erfüllt? Bedenken Sie auch, dass das Bedürfnis nach Sicherheit weiterhin wesentlich bleiben wird. Auch wenn Social Distancing offiziell nicht mehr notwendig sein wird, so werden wir von der Zeit sehr geprägt sein. Da ist es auch für Ihre Angebote wichtig, mehr Raum zu geben und damit das Gefühl, geborgen und sicher zu sein. Wir wollen also zusammen, aber nicht zu eng sein.

Machen Sie Lust auf „danach“

Ganz nach dem Motto der Zeitung „Der Falter“: „Hol mich hier raus!“ Warten Sie nicht auf den Tag, an dem die Normalität wieder eingekehrt ist. Zum einen wissen wir nicht, wann dieser Tag kommen wird und zum anderen wird nichts mehr in der „alten Normalität“ sein. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Kunst und Kultur, die virtuelle Führungen anbieten. Die Aufwände dafür sind nicht besonders groß. Sie müssen nur mit ihrem Smartphone durch ihr Lokal oder Hotel gehen und dies kommentieren. Wenn Sie es professionell haben wollen, dann engagieren Sie einen Profi. Es ist wichtig dranzubleiben, sichtbar und aktiv zu sein und damit virtuelle Beziehungen aufzubauen. Wann, wenn nicht jetzt, ist der perfekte Zeitpunkt, Ihre Räumlichkeiten zu zeigen, das Besondere hervorzukehren, den Frühstücksplatz, den Garten, die Menschen, die hinter der Idee und dem Angebot stehen?

Die Krise als Katalysator für Innovation

Nutzen Sie die Gelegenheit und analysieren Sie Ihr Geschäftsmodell. Denken Sie in Standbein und Spielbein. Das Standbein ist jenes, das fest am Boden verankert ist, während das Spielbein die freie Position einhält. Das Standbein ist Ihre Kernkompetenz, das was Sie richtig gut können und anbieten. Das Spielbein steht für neue Produkte oder neue Services, die sich aus Ihren vorhandenen Kompetenzen realisieren lassen. Setzen Sie Ihr Spielbein ein und experimentieren Sie, gehen Sie neue Wege. Es könnte ja gut werden. Gehen Sie „outside the box“. Treten Sie einen kleinen Schritt zur Seite, überlegen Sie, welche Chancen der Veränderung diese Situation für Sie bereithält. Denn „inside the box“ ist gerade ein schlechter Rückzugsort.

Brew Dog, der Craft-Beer-Produzent aus Schottland, hat auf das Ausgehverbot mit der Öffnung von über 100 virtuellen Bars reagiert. Dabei wurde jede Bar exakt digital nachgebildet. Die Fans der Biermarke haben nun die Möglichkeit, sich in diesen virtuellen Räumen zu treffen, zu trinken und zu unterhalten. Durch die Visualisierung der „eigenen Stamm-Bar“ haben Kunden den Eindruck, gemeinsam mit Freunden an einem Tisch zu sitzen und Bier zu trinken. Und das ist noch nicht alles: Livemusik und Quiz werden angeboten, um sich die Zeit zu vertreiben. Auch Bierverkostungen werden durchgeführt. Welchen Effekt erzielt Brew Dog mit seinen virtuellen Bars? In Zeiten, in denen das soziale Leben auf ein Minimum reduziert ist und nicht ausgelebt werden kann, steigt das Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit. Brew Dog hat mit seinem Angebot genau ins Schwarze getroffen, denn Kunden werden hier wertgeschätzt. In den virtuellen Räumen werden Erlebnisse geschaffen, die für immer in Erinnerung bleiben werden. Und nicht nur das, das Erlebte wird mit der Marke verbunden. Und darauf kommt es an: Schaffen Sie jetzt Erlebnisse, die Menschen zusammenbringen und die in Erinnerung bleiben.

Denken Sie das schier Unmögliche

Was von Ihrer Kernkompetenz können Sie adaptieren? Alles ist möglich! Gerade jetzt sind Szenarien realisierbar, über die man zuvor nicht einmal nachgedacht hat. Gewähren Sie einen Blick hinter die Kulissen. Machen Sie Lust auf die Zeit danach. Überlegen Sie sich jetzt schon, welche speziellen Angebote Sie in der „neuen Normalität“ haben werden. Denn aus meiner Sicht sollte das nicht die gleichen sein wie zuvor. Achtung! Fangen Sie nicht mit Preisschlachten an, mit Angeboten, die günstiger sind als vor der Krise. Das ist dann der Todesstoß. Kunden mit Kaufanreizen zu gewinnen wirkt ähnlich wie Bestechung. Menschen lieben niedrige Preise, und Sie gewöhnen sich daran. Anreize machen süchtig, fand sogar die Harvard-Universität heraus. Wenn der Preis entscheidet, wird Ihr Unternehmen austauschbar.

Haltung zeigen

Zeigen Sie, dass Sie auf die Krise reagieren können und vor allem die entstandenen Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen wahrnehmen. Zeigen Sie, dass Sie in der Lage sind, vom rein selbstbezogenen Gewinnstreben hin zu einem Beitrag zu mehr Lust am Leben umzuschalten. Beweisen Sie, dass Sie anpassungsfähig sind, mit dieser Situation gut umgehen können und dass Sie Ihre potenziellen Gäste verstehen und auf sie eingehen können. So wirken Sie dem Gefühl der Destabilisierung entgegen. Nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei den Menschen.

ZUR PERSON
»Denken Sie outside the box – inside the box ist gerade ein schlechter Rückzugsort«

Charlotte Hager ist Wahrnehmungsexpertin im Bereich Marke, Marketing & Werbung. Als Semiotikerin und Motivforscherin erkennt sie, wie Menschen ticken, was sie bewegt und wie Unternehmen die richtigen Zeichen setzen sollten, um Menschen besser zu erreichen. Sie ist Gründerin des Instituts comrecon brand navigation (comrecon.com) sowie Geschäftsführerin des Brand Club Austria und Expert Member des Club 55 – der European Community of Marketing & Sales Experts.

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