POWER FÜR MEIN' AKKU

Bilderbuch sind sexy. Diese Androgynität, mit der Sänger Maurice spielt, erinnert Tom ein wenig an David Bowie. Die Art wie gesungen wird, die künstlerische Vielfalt und das Spiel der Worte. Tom steht drauf. Baby, leih mir deinen Lader. Jenna ist davon gelangweilt. Wenn sie Musik hört, will sie Party fühlen. Deshalb steht sie auf Wanda. Bisher haben Tom und Jenna einander immer liebevoll geneckt, aber es endete immer mit einem Bussi, Baby. Jetzt ist das anders

Bisher waren die musikalischen oder kulinarischen Differenzen interessante Reibungspunkte. Aus Reibung
entsteht Hitze und die hat bei den Vieren immer für aufregendes Feuer gesorgt. Jetzt kam aber der Druck der dauernden Nähe dazu und das wird schön langsam zu heiß. Jetzt brennt nicht mehr die Lust, sondern nur noch die Wut. Sobald das Bilderbuch-Gequake aus Toms Lautsprecherbox dröhnt, knallt Jenna eine Tür zu. Egal, welche. Umgekehrt kriegt Tom die Krise, wenn er „Columbo-Columbo-Columbo“ hört und beleidigt Jenna für ihren schlechten Musikgeschmack und dafür, dass sie überhaupt als Ganzes so oberflächlich und vorhersehbar sei

Hannas Pizzakartons stapeln sich mittlerweile vor der Wohnungstür und der frische, österreichische Biospargel wurde schon mehrfach als Wurfgeschoss missbraucht. Manuela ging in letzter Sekunde aber stets geschickt in Deckung, also ist dem zarten Gemüse nichts zugestoßen. Sonst ist bei den beiden allerdings nichts mehr zart. Manuela kritisiert hemmungslos, beleidigend und spitz. Hanna schreit und flucht und wirft mit Gemüse. Der Druck der Nähe quetscht Verstecktes heraus, wie durch eine Lupe werden Details wahrgenommen. Das kann auch überraschend schön sein. Distanz dagegen wirkt wie ein Weichzeichner. Über nervende Angelegenheiten kann man leichter hinwegsehen, wenn man sie aus der Ferne betrachtet, schöne Details bleiben dafür verborgen. Entfernung verkleinert, in der Nähe werden Dinge groß. Wird es zu groß und unangenehm, reicht es manchmal schon ein, zwei Schritte zurück zu gehen und statt dem Detail das Ganze zu betrachten.

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Foto: Michael Otto // Illustration

Toms grundsätzlich recht anspruchsvoller Musikgeschmack macht ihn nämlich auch zu einem interessanten Gesprächspartner über Kunst, Kultur und das Menschsein an sich. Und ohne Jennas Freude an Partystimmungen hätte Tom wesentlich weniger tolle Nächte durchfeiert.

Hanna und Manuela haben das auch schon längst durchschaut. Die Eine ist impulsiv und spontan und ermöglicht dadurch aufregende und leidenschaftliche Momente, während die Andere dafür sorgt, das nichts aus dem Ufer gerät und die Dinge auch mal pragmatisch betrachtet werden. Passt doch wunderbar. Wenn die Akkus doch wirklich mal leer sind, gibt’s Spargel-Dinkelvollkorn-Pizza und danach Amore.

Martina Bucher
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Martina Bucher ist Psychologin, klinische Sexologin und Kommunikationstrainerin. Sie begleitet Menschen bei Anliegen zu den Themen Sexualität, Bewusstheit und Genuss. Mit ihren Texten verknüpft sie ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft für Gastronomie.
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