FÜNF ODER SEX STERNE

Beim Suchen einer Unterkunft für den nächsten Urlaub hält Jenny sich gerne an Bewertungsplattformen. Wenn Gäste im Schnitt nur drei von fünf Blumen, Sonnen oder Bienchen vergeben, bucht sie nicht. Ab vier wird zumindest darüber nachgedacht. Was die Masse mag, muss richtig sein, Jenny ist da ganz und gar ein Herdentier. Luis sieht das ganz anders. Bewertungen interessieren ihn nicht. Wenn, dann liest er sie im Nachhinein und er wundert sich oft über das Geschriebene.

Großartiges Frühstücksbuffet“ und „toller Wellnessbereich“ steht geschrieben. Doch er erinnert sich an ranzige Lachsscheiben umrahmt von welken Salatblättern. Vom „tollen Wellnessbereich“ blieben ihm nur die überfüllte Sauna und die lärmenden Kinder im Gedächtnis. Seine besten Urlaubserlebnisse hatte Luis in Hotels, die auch negative Kritiken erhalten hatten.

Auch Lena liebt Bewertungen, vertraut aber nur der eigenen Meinung. Sie fragt sich weniger, wie man den perfekten Urlaubsort wählt, sondern war jahrelang auf der Suche nach dem optimalen Sexpartner. Oder der perfekten Sexpartnerin. Diesbezüglich ist sie nicht wählerisch. Was die erforderlichen Fähigkeiten angeht allerdings schon. Doch wie kann man bei einem Date auf den ersten Blick erkennen, ob die Person, der man gegenübersitzt, passt oder nicht? Sie hat schon alle möglichen Strategien probiert.

Zu Beginn ihrer Suchkarriere hat sie sich so wie Jenny an die Mehrheit gehalten. Die Person, auf die alle flogen, wollte sie auch. Wen die Mehrheit aufregend findet, der muss doch etwas können. So nahm sie in Bars stets jene Person ins Visier, die ambegehrtesten war. Manchmal war sie erfolgreich, zumindest beim Aufreißen. Im Bett war sie dann jedoch oft enttäuscht – allzu oft mehr Schein als Sein. Dann hat sie ihre Strategie verändert und sich auf jene Personen konzentriert, die alleine und scheinbar schüchtern kaum Aufmerksamkeit erweckten. Sie erwartete sich tiefgreifende Erlebnisse mit unentdeckten Juwelen. Wie Urlaub in einem geheimen Hideaway. Doch auch mit ihren gepflückten Mauerblümchen wurde sie nicht wirklich glücklich.

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Foto: Michael Otto // Illustration

Seit einiger Zeit führt Lena nun selbst eine Art Bewertungsseite. Ein grünes Büchlein, in das sie ihre sexuellen Erlebnisse einträgt und bewertet. Nach bestimmten Kriterien vergibt sie Sterne in vier für sie entscheidende Kategorien: Leidenschaft, Fantasie, praktische Fähigkeiten und Orgasmusgesicht. Letzteres ist ihr besonders wichtig. Wer da nicht mindestens vier von fünf bekommt, erhält keine zweite Chance. Gelegentlich hatte sie tolle Erlebnisse, in Summe war sie enttäuscht. Eh klar, eigentlich. Sie hat sich bei jedem Menschen, auf den sie sich eingelassen hat, schon bei der ersten Begegnung das ultimative Sex-Erlebnis erwartet. Da kann man nur enttäuscht werden. Wild und zärtlich, aufregend und vertraut, geheimnisvoll und durchschaubar, sicher und gefährlich. Alles zugleich.

Das grüne Büchlein hat sie zwar noch, doch trägt sie jetzt nur noch gelegentlich etwas ein. Sie vertraut bei der Partnerwahl wieder mehr ihrer eigenen Intuition. Dafür schreibt sie jetzt immer öfter Bewertungen über ihre Urlaubserfahrungen. Nicht in ein Büchlein, sondern ins Internet und die werden nun sogar von anderen Menschen gelesen. Sie hat schon ein paar „Diese Bewertung war hilfreich“- Daumen ergattert. Das ist doch auch etwas

Martina Bucher
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Martina Bucher ist Psychologin, klinische Sexologin und Kommunikationstrainerin. Sie begleitet Menschen bei Anliegen zu den Themen Sexualität, Bewusstheit und Genuss. Mit ihren Texten verknüpft sie ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft für Gastronomie.
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