SOKRATES HILFT GEGEN LANGEWEILE

Lena weiß, dass sie nichts weiß. Seit 25 Jahren schläft sie mit dem gleichen Mann, und dennoch könnte sie nicht sicher sagen, worauf er wirklich steht.

Sie weiß, er mag es gerne unter freiem Himmel. Darum hat er beim Hauskauf auf einen uneinsichtigen Garten bestanden. Aber außer über die Tatsache, dass ihn lästige Ameisen und spitze Tannennadeln auf den Knien nicht stören, weiß sie nichts über erogene Zonen, die wie ein Power-on-Knopf funktionieren, über erklärte Lieblingsstellungen und besonders favorisierte Rollenspielchen. Es scheint ihr, als ob selbst nach dieser langen Zeit jedes noch so kleine Grapschen eine Entdeckungsreise sei.

Theresa hingegen sieht das ganz anders. Nach ihrer dritten Scheidung ist sie überzeugt: Nach fünf Jahren wird es fad. Man kennt die andere Person in- und auswendig, keine Überraschungen mehr, keine aufregenden Entdeckungen, ständig die gleiche Leier. Paare, die länger als eine Dekade miteinander leben, tun das laut ihr nur aus zwei möglichen Gründen: Bequemlichkeit oder Zukunftsangst. Auf jeden Fall haben sie mit dem Leben abgeschlossen und geben sich der frustrierten Langeweile hin.

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Foto: Michael Otto // Illustration

Ein Besuch in einem neuen Restaurant ist für Gourmets das, was eine lose Affäre für Andrea bedeutet. Sie ist gespannt auf die Speisekarte, sucht sich das aus, worauf sie gerade Lust hat, genießt es und denkt sich, wow, da komm ich wieder her, das Strohschwein im Quinoagitter mit Roter Rübe muss ich unbedingt auch noch probieren. Nach dem zweiten Besuch hat sie das Gefühl, alles gesehen und gekostet zu haben, die Küche hat bestimmt nicht mehr zu bieten, also Lokalwechsel. Theresa ist rasch davon überzeugt, alles zu wissen, was es zu wissen gibt.

Seit den 90er-Jahren wird in diesem Zusammenhang immer wieder vom – bisher nicht wissenschaftlich bewiesenen – Dunning-Kruger-Effekt gesprochen. Die Bezeichnung geht auf zwei Forscher zurück, die in ihren Studien zum Schluss kamen: Je weniger ein Mensch über eine Sache weiß, umso überzeugter ist er davon, gut informiert zu sein. Im Gegenzug dazu zweifeln Personen mit mehr Fachwissen umso eher an ihren Kenntnissen, weil ihnen die Komplexität der Dinge bewusst ist.

Wenn Theresa Gulasch in der Kantine und dann eines aus der Dose isst, hat sie schnell das Gefühl, ihr könne niemand mehr was über Gulasch erzählen. Reist sie aber durch Ungarn wird ihr doch bewusst, dass Paprika nicht gleich Paprika ist und Fett nicht gleich Fett. Genauso ist es in einer Partnerschaft. Nach fünf Jahren Partnerschaft kann man leicht den Eindruck gewinnen, man wisse genau, was das Gegenüber als Nächstes tun wird. „Der Irre labert eh immer den gleichen Mist“, „Boah, jetzt greift sie mich sicher gleich wieder da an“ oder „Ich sag gar nichts mehr, ich weiß eh, was dabei rauskommt“. Vielleicht wird man manchmal auch recht behalten. Sicher können wir uns allerdings nie sein.

Routine kann uns arrogant machen. Wir hören auf zu hinterfragen, verlieren unsere Neugier und setzen uns in ein Nest aus eingebildeter Überlegenheit. Ja, dann wird es schnell fad. Am Ende ist es jedoch so, dass niemand endgültige Expertise in Bezug auf einen anderen Menschen erlangen kann. Niemand weiß, was andere wirklich wollen, was ihnen wirklich gefällt oder was sie als Nächstes tun werden. Wir wissen es ja meist nicht mal bei uns selbst so genau. Also kann es hilfreich sein, diese vermeintliche Überlegenheit abzustreifen und sich in Unsicherheit zu begeben. Sich in das „Ich weiß, dass ich nichts weiß“-Nest zu setzen. Wenn man das tut, probiert man nach 20 Jahren beim Stammwirt vielleicht einmal ein neues Gericht, entdeckt besondere Stellen an fremden Körpern, führt interessantere Gespräche und hat Freude am Entdecken.

Martina Bucher
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Martina Bucher ist Psychologin, klinische Sexologin und Kommunikationstrainerin. Sie begleitet Menschen bei Anliegen zu den Themen Sexualität, Bewusstheit und Genuss. Mit ihren Texten verknüpft sie ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft für Gastronomie.
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