EIN BISSERLE ANDERS

So attraktiv wie jetzt war ein Venedigbesuch schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und so günstig wie derzeit wird man wohl nie mehr in traumhaften Grandhotels nächtigen können.
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Foto: Marriott

Schon Torbergs Tante Jolesch wusste es: „Alle Städte sind gleich. Nur Venedig ist ein bisserle anders.“ Treffender konnte bis heute niemand die Sonderstellung dieses speziellen Ortes auf den Punkt bringen. Leider hat sich die Attraktivität dieser magischen Zauberstadt in den letzten Jahrzehnten weltweit herumgesprochen. Aus vielen Touristen in den 1960er-Jahren sind zunächst sehr viele und irgendwann dann zu viele geworden. Bis zum vergangenen Jahr jagte ein Besucherrekord den nächsten, 2019 waren es mehr als 30 Millionen Gäste – und das obwohl der Dezember aufgrund des Jahrhunderthochwassers im November unterdurchschnittlich lief. Rund drei Viertel der Gäste bleiben nur über Tag. Waren es früher vor allem Badegäste aus den nahegelegenen Badeorten Lignano und Jesolo, die sich einen Tagesausflug gegönnt haben, so sind es heute hauptsächlich Kreuzfahrtpassagiere und Kunden von organisierten Bustouren, die gruppenweise für ein paar Stunden durch die Altstadt geschleust werden. Eine Einhebung von Eintrittsgebühren war schon beschlossen und sollte eigentlich mit Juni 2020 starten, doch diese Pläne wurden vorläufig auf Eis gelegt. Momentan versucht man, Gäste anzulocken und nicht abzuschrecken.

Hochwasser und Corona statt Pest und Cholera

Corona hat insbesondere in der Lombardei dramatische Folgen gehabt, aber auch Venedig war vom Lockdown viele Wochen lang massiv betroffen. Statt bunten Karnevals-Masken mussten die Venezianer Mund-Nasen-Schutz tragen und durften nur für die allernotwendigsten Besorgungen ins Freie. Nicht weiter besonders, ist man versucht zu sagen – von Lockdowns waren schließlich fast alle Städte Europas betroffen. Doch nirgendwo sonst waren die wirtschaftlichen Folgen derart dramatisch. Es gibt keine vergleichbare Stadt, die praktisch ausschließlich von auswärtigen Touristen lebt. Die Krisenstimmung hatte allerdings schon vorher begonnen. Am 12. November 2019 wurde Venedig von einem „Jahrhunderthochwasser“ heimgesucht.

So schön wie schon lange nicht

Die zauberhaften Bilder vom menschenleeren Canal Grande sind im Frühling um die Welt gegangen. Davon ist Venedig mittlerweile weit entfernt. Venedig war Ende September alles andere als leer – aber auch nicht übervoll. Am Riva degli Schiavoni lagen keine Kreuzfahrtschiffe, an den Vaporetti-Stationen herrschte kein dichtes Gedränge, und selbst die berühmte Rialto-Brücke konnte man mit Respektabstand zu anderen Besuchern entspannt überqueren. Die meisten Touristen waren zu zweit oder mit der Familie unterwegs und begegneten sich höflich und freundlich.

Schon in der Vergangenheit war es schlau, Restaurant- und Ausstellungsbesuche vorab zu organisieren, jetzt ist es unerlässlich. Corona-Regeln sorgen dafür, dass man sich nirgendwo unerwünscht nahekommt. In den Restaurants bekommt man statt der Speisekarte einen QR-Code auf den Tisch gelegt, mit dem man sich das Angebot auf dem eigenen Handy anschauen kann. Das mag kurzfristig irritierend sein, wirklich stören tut es jedoch nicht. Und auch die weltberühmte Harry’s Bar hat seit Ende August wieder geöffnet. Dort ist (fast) alles wie früher – nur die Barhocker und Tische stehen etwas weiter auseinander als zuvor. Der augenscheinlichste Unterschied sind die Masken, doch das Maskentragen hat hier ja Tradition. Zuvor handelte es sich zumeist um kunstvolle Masken, die man als Zierde zum Karneval trug, jetzt herrscht beim Betreten eines jeden Lokals Maskenpflicht.

Der Preis ist relativ

In Venedig wird an jeder zweiten Ecke Essen feilgeboten. Zumeist handelt es sich um Pizza to go, Sandwiches und Burger. Nur in sehr wenigen Bars werden wirklich gute Cicchetti angeboten. Ein Blick in den aktuellen Slow-Food-Osterie-Führer hilft. Dann findet man sogar in Rialto (All’Arco) einen köstlichen Imbiss. Ebenfalls empfehlenswert sind das Mascareta und Al Portego (beide in Castello), Cantinone Già Schiavi und Codroma (beide in Dorsoduro) sowie die leicht zu findende Chichetteria Vexiana da Luca e Fred im Cannaregio-Viertel. Die meisten der unzähligen Osterias und Ristorantes mit Touristen-Menüs ringen verzweifelt um die wenigen Billig-Touristen, die durch die engen Gassen ziehen. Selbst schuld, wer hier einkehrt und vermeintlich günstig speist.

Wie viel Geld man für Essen und Trinken ausgeben will – und was man dafür bekommt –, bestimmt man in Venedig selbst, sofern man vorausschauend plant. Wenn man gut und günstig essen will, geht man besser ins bezaubernde Covino (Castello), das Dalla Marisa (Cannaregio) oder das La Bitta (Dorsoduro), wobei aktuell eine Reservierung mehr oder weniger unverzichtbar ist. Wunderbar ist auch das Estro (Dorsoduro) von Alberto und Mario Spezzamonte, wo es neben kreativen Gerichten auch die besten Naturweine Italiens gibt. Die Mär vom ach so teuren Venedig stimmt einfach nicht.

Wer unbedingt erste Reihe fußfrei am Markusplatz Pause machen will, sollte sich nicht über den Preis für den Kaffee im Caffè Florian beklagen. Im lässigen Bacaro Risorto, das keine drei Gehminuten entfernt liegt, bekommt man einen wunderbaren Espresso doppio für 2,40 Euro – dort allerdings ohne Blick auf den Dogenpalast. Ein Negroni in der Harry’s Bar kostet 24 Euro, aber ist das wirklich zu teuer? Abgesehen vom Service und Ambiente gibt es auch stets einen kleinen Snack dazu, und dass sich hierher nur selten Billigtouristen verirren, ist eigentlich sehr angenehm. Alternativ kann man auch in wirklich empfehlenswerten Weinbars wie etwa dem Vino Vero im Cannareggio-Viertel gehen, wo man ausgesprochen günstig essen und trinken kann. Stimmungsvoll und zentraler gelegen ist die Rusteghi Weinbar, wo man auch kleine warme Speisen bekommt.

Regional oder international

Die Vorstellung, dass man mehr als 30 Millionen Touristen im Jahr mit den regionalen Produkten aus der Lagune versorgen könnte, ist natürlich absurd. Und selbst anspruchsvolle Restaurants beschränken sich nicht auf regionale Produkte. Wie auch? Wo sollen denn die Kälber stehen, deren zarte Lebern die Basis für die weltberühmte Fegato Veneziano sind? Venezianer haben seit jeher Handel betrieben – natürlich auch mit Lebensmitteln. Auch die Sardinen für Sarde in Saor kommen im besten Fall aus der Adria, höchstwahrscheinlich jedoch von irgendwo. Ja, der Fischmarkt in Rialto ist wunderschön, und einige Top-Restaurants kaufen dort tatsächlich regelmäßig ein, aber für die Gesamtversorgung der venezianischen Gastronomie spielt der malerische Markt nur eine untergeordnete Rolle.

Aale aus der Lagune – einst ein Grundnahrungsmittel der Venezianer – sind extrem selten geworden, und auch die Seezungen (Sogliola), Heuschreckenkrebse (Canochie) oder kleine Moschuskraken (Moscardini) sind rar geworden. Wunderbar und nur in der Lagune heimisch ist ein Fisch namens Gó, der auf Deutsch den wenig attraktiven Namen Grundel trägt. Weil der Fisch extrem grätenreich ist, wird er traditionellerweise nicht gegrillt, sondern als Risotto zubereitet, wo sein intensiver Geschmack besonders gut zu Geltung kommt. Auch wenn der klassische Risotto eigentlich aus der Lombardei stammt, gibt es für mich kaum einen besseren Ort als Venedig, um großartige Risotti zu genießen – auch an prominenten Adressen rund um San Marco: Neben der schon zitierten Harry’s Bar (Risottomit Scampi und Artischocken) fallen mir spontan noch die Terrazza Danieli (Risotto Acquarello ai Gó) und das erstaunlich günstige Sterne-Restaurant Il Ridotto (Risotto Frutti di Mare) ein.

Michelin-Sterne sind Mangelware

Erstaunlicherweise gibt es in Venedig kein einziges Drei-Sterne-Restaurant und auch beim einzigen Zwei-Sterner Glam Enrico Bartoli handelt es sich um eine Art Phantom-Restaurant, das zwar offiziell nicht geschlossen, tatsächlich seit dem Hochwasser im Vorjahr aber auch nie geöffnet hat. Bei einem halben Dutzend Reservierungsversuchen im Laufe von mehreren Monaten wurden wir immer wieder vertröstet. Natürlich schmeckt es auch in den Ein-Sternern Oro (im Hotel Cipriani auf Guidecca), der Osteria da Fiore (San Polo) und dem eleganten Quadri direkt am Markusplatz hervorragend. Das Quadri ist – so wie der Club del Doge im noblen Hotel Gritti Palace – ein Ort, dessen historisches Ambiente mindestens genauso reizvoll ist wie das Essen selbst. Das hat nichts mit einer Geringschätzung der Küche zu tun, sondern vielmehr mit dem Zauber, der von einem eleganten Speisesaal in einem historischen Palazzo ausgeht. Dort einen gemütlichen Abend verbringen zu dürfen ist ein Erlebnis, das man wohl lange nicht vergessen wird. Wer auf derart klassisches Ambiente verzichten kann und lieber in einem modernen, lässigen Lokal speisen will, ist im „Local“ im Castello-Viertel gut aufgehoben. Dort kann man Küchenchef Matteo Tagliapietra und seinem Team in der offenen Küche beim Kochen zusehen und kreative Gerichte aus regionalen Produkten genießen. Nur ein paar Schritte weiter geht es ins traditionelle Da Franz, bei dem nicht ganz klar ist, ob es nun eine Osteria oder ein Ristorante ist. Das Ambiente ist altmodisch, aber gerade dadurch auch sehr reizvoll.

Einmal Wassertaxi, bitte

Wer ausreichend Zeit mitbringt und die historische Altstadt für ein paar Stunden hinter sich lassen will, sollte ein Vaporetto (in größerer Runde auch ein Wassertaxi) besteigen und Richtung Burano fahren, wo auf dem malerischen Inselchen Marzorbetto das zauberhafte Venissa liegt. Hier kann man entweder im Ristorante ein fünfgängiges Sterne-Menü genießen oder sich in der benachbarten Osteria an etwas bodenständigeren Gerichten laben. Das Ambiente ist traumhaft, erinnert aber eher an ein gepflegtes italienisches Landgasthaus und nicht an ein typisch venezianisches Ristorante. Ebenfalls auf Burano liegt die Trattoria al Gatto Nero, wo man nicht nur hervorragende regionaltypische Gerichte genießt, sondern auch aus einer Weinkarte wählen kann, die ihresgleichen sucht. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist die Osteria Acqua Stanca auf der Nachbarinsel Murano.

Eine neue Normalität

Für keinen anderen Ort der Welt ist der Begriff „Overtourism“ zutreffender als für Venedig. So wie ich haben viele heimische Venedig-Liebhaber in den letzten Jahren einen weiten Bogen um diesen einzigartigen Ort gemacht. Schon 1993 hatte Herbert Rosendorer in seinem Buch „Venedig: Eine Einladung“ dazu aufgefordert, Venedig noch rasch zu besuchen, bevor es untergeht. Untergegangen ist Venedig zwar nicht, dafür wurde es aber von Menschen überschwemmt. Über dreißig Millionen Besucher sind zuletzt pro Jahr gekommen. Im Schatten ständig steigender Gästezahlen haben teilweise dramatische Fehlentwicklungen stattgefunden.

Die Zahl der Bewohner im historischen Venedig schrumpft ständig, der Altersschnitt steigt. Jeder Zweite der verbliebenen 50.000 Einwohner ist über 65 Jahre alt. 130.000 Venezianer leben in den Bezirken auf dem Festland. Immer mehr Wohnungen werden zu Ferienappartements umgewandelt. Junge Menschen können es sich einfach nicht mehr leisten, in Venedig zu wohnen und wollen es auch gar nicht mehr, weil die gesamte Infrastruktur auf die Interessen des Tourismus zugeschnitten ist. Ein Problem ist, dass die Festland-Bezirke und das „eigentliche“ Venedig auf den Inseln eine politische Einheit mit einem Bürgermeister sind, wodurch die historische Altstadt vor allem als Cashcow betrachtet wird, die es zu melken gilt.

Natürlich wäre Venedig ohne Tourismus nicht lebensfähig, und als Hort zahlreicher einzigartiger Kulturschätze soll es Besuchern auch prinzipiell weiterhin zugänglich bleiben. Doch gilt es, eine neue Balance zwischen den Interessen der Bewohner und jenen der Tourismuswirtschaft zu finden. Schlussendlich wird wohl ein kontrollierter Rückgang der Gästezahlen kommen müssen. Die Häufung der Hochwasser (siehe Story im Heft) könnte mit dem MOSE-System entschärft worden sein, doch von einer ökologischen Balance ist man in der Lagune noch weit entfernt. Im restlichen Europa wird beim Autoverkehr von der Förderung der Elektromobilität und des öffentlichen Verkehrs gesprochen. Eine autofreie Stadt ist Venedig seit jeher. Wie wäre es mit abgasfreien Vaporetti und Motorbooten?

Vielleicht hat sich das Problem der Kreuzfahrtschiffe von alleine gelöst, andernfalls wären strenge Beschränkungen (besser noch ein generelles Anlegeverbot) wohl notwendig. Das Schlagwort von der Krise, die eine Chance darstellt, ist nirgendwo so zutreffend wie in Venedig. Doch selbst wenn den Venezianern die Abkehr vom ungebremsten Massentourismus gelingt, werden die Besucherzahlen in den nächsten Jahren wohl wieder rasch steigen. Mein Tipp: Besuchen Sie Venedig am besten jetzt.

Ohne Menschenmassen zeigt sich die malerische Lagunenstadt von ihrer schönsten Seite. In vielen Touristenfallen herrscht zwar gähnende Leere, doch anspruchsvolle Restaurants sind durchwegs gut besucht.
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Maskenpflicht in der Stadt der Masken auch außerhalb des Karnevals
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Schon Torbergs Tante Jolesch wusste es: „Alle Städte sind gleich. Nur Venedig ist ein bisserle anders.“

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»Schon in der Vergangenheit war es schlau, Restaurant- und Ausstellungsbesuche vorab zu organisieren - jetzt ist es unerlässlich«
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Lässig und modern: das Local im CastelloViertel

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Nach fünf Monaten Pause hatte die Harry’s Bar Anfang September wieder aufgesperrt

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Großartige Risotti an prominenten Adressen rund um San Marco: Harry’s Bar (Risotto mit Scampi und Artischocken), die Terrazza Danieli (Risotto Acquarello ai Gó) und das erstaunlich günstige Sterne-Restaurant Il Ridotto (Risotto Frutti di Mare) ein.

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Empfehlenswerte Weinbar: das Vino Vero im Cannareggio-Viertel gehen, wo man ausgesprochen
günstig essen und trinken kann.

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Wunderbar ist auch das Estro (Dorsoduro) von Alberto und Mario Spezzamonte, ...

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wo es neben kreativen Gerichten auch die besten Naturweine Italiens gibt.

Wer bei „Hotel“ nicht nur an ein Bett für die Nacht, sondern eher an ein stilvolles Refugium für erholsame Stunden denkt, hat in Venedig die Qual der Wahl.
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Die Suiten im Gritti Palace bieten Luxus pur

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Ein Garten in der Stadt? Im St. Regis geht auch das!

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Genuss im Blick: Das Restaurant im Danieli

Mehr zu den besten Häusern am Platz im Heft
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