VOM SCHERBEN ZUM TREND VIERTEL

Mit Cornelia Trantura, Direktorin des Lendhotels, losgelöst durch das Lendviertel in Graz

Es ist eine beispiellose Entwicklung, auf die der Grazer Bezirk Lend zurückblicken kann. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich das Viertel am rechten Murufer zum angesagtesten Hotspot der Stadt. Die Rotlichtlokale sind fast gänzlich verschwunden. Die wenigen, die es noch gibt, tragen inzwischen einen nicht unwesentlichen Teil zum verwegenen Style des Grätzels bei. Den Impuls zur Wandlung gab das Kulturhauptstadtjahr 2003 mit dem Bau des als „Friendly Alien“ bekannten Kunsthauses am Beginn des Bezirks und der Murinsel als Verbindung der beiden Ufer des Flusses. Damals wechselten einige Häuser im Lend den Besitzer und neue Läden entstanden: Kreative siedelten sich an, eine bunte Gastro folgte. Bis heute fühlt man sich im Lend wie losgelöst von jeglichen Zwängen.

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Foto: Rainer Fehringer

„Ein Bezirk mit Dorfcharakter mitten in der Stadt“, beschreibt es etwa Philipp Carstanjen, Chef des „Hungry Heart“, eines kleinen Imbiss-Ladens, vor dem sich zu Stoßzeiten nicht selten eine Warteschlange bildet. Carstanjen schmiss seinen Job in einem Zwei-Hauben-Restaurant, um hier im Lend die besten Hot Dogs und Sandwiches an die Leute zu bringen. Er ist eine von vielen Persönlichkeiten, die dieses Viertel prägen. Da gibt es etwa den Hannes Messner, der gemeinhin nur als Macello bekannt ist und am Lendplatz gleich neben dem Bauernmarkt seinen gleichnamigen Italo-Stand à la Dolce Vita betreibt. Oder die drei Schwestern Julia, Claudia und Antonia Günzberg, die mit dem „Shake Shaka“ am Lendplatz die hawaiianische Küche hochleben lassen, gleich daneben haben sie mit dem „Tropicante“ auch ein mexikanisches Lokal.

Und so geht es auf dem Weg durch den Lend alle paar Meter weiter: „Die Scherbe“ mit einem famosen Frühstücksangebot, der Grieche „Bakaliko“ mit erstaunlichem Sortiment an griechischen Naturweinen, dann die „Bierboutique“ oder als einer der Neuzugänge Michael Pirker mit seinem „noël“, ein Café-Bar-Konzept in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Bordells. Zwischen der bunten Gastro ein Friseurladen, Kreativ-Agenturen oder auch der Künstler Alexander Smoltschnik mit seinem Tattoo-Studio „Pride & Glory“. Ein Sammelsurium aus Lebenslust und Revoluzzergeist, das jedes Jahr während des Lendwirbels (da feiert das Viertel sich selbst) seinen Höhepunkt findet.

»Auf die Karte kommt, was ich selber geil finde«
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Foto: Rainer Fehringer

Das kulinarische Vergnügen hätte im Blendend zunächst eigentlich nur eine Nebenrolle spielen sollen. Aber diese Rechnung wurde ohne den Küchenchef Remi Rosenheim gemacht. Seitdem der nämlich aus der kleinen Luke hinter der Bar eine Köstlichkeit nach der anderen herauszaubert, wird im Blendend nicht nur getrunken und gefeiert, sondern eben auch gut gegessen. Küchenlinie? „Die gibt es nicht wirklich, jede Karte kann unterschiedlich sein, je nachdem, was ich selbst grad geil finde“, sagt er. Das kann ein Lachsfilet auf einer Karfiolcreme. sein oder auch ein in Bier mariniertes Brisket, gebettet zwischen zwei Sandwichhälften, Krencreme und geschmortem Zwiebel. Das Blendend selbst ist in seinen Worten ein „Komfortkonglomerat aus Bar, Café, Bistro, Brunch-Buffet, Nachtclub, Frühbar, Gastgarten und tiefer gelegter Rooftop-Party“. Nachsatz: „Es kann aber auch zu einer Kathedrale des Exzesses werden.“ Der hippe Laden verzückte sogar schon die „New York Times“, die sich vor allem vom bunt durchmischten Publikum (Crowd of designers, poets and playwrights) begeistert zeigte.“ // blendend.at

»Wir wollten eine Bar aufsperren, in die wir selbst gerne gehen«
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Foto: Rainer Fehringer

Kabuff! Was für ein Name für eine Bar! „Der Name passt sogar doppelt“, sagt Andi Ruhs, der die Bar am Lendkai im Jahr 2013 mit seinen Geschäftspartnern Markus und Rainer Hawlas eröffnete. „Einerseits wird so ein kleiner, dunkler Raum beschrieben, andererseits ist es eine Anspielung auf die Vorgeschichte dieser Location.“ Die war einst nämlich ein Bordell und ist heute eben „ka Puff“ mehr. Dass der Chef ein geschultes Auge für Optik hat, mag seinem Hauptberuf als Kameramann geschuldet sein. Das Kabuff hat Stil: Zur linken eine handgefertigte Chesterfield-Ledercouch, englische Tapeten, Sessel aus London, Spiegel aus Budapest, Garderobe aus Amsterdam. „Wir wollten eine Bar aufsperren, in die wir selbst gerne gehen“, sagt Ruhs. Dieses Vorhaben ist mehr als nur gelungen. Das Publikum ist ebenso bunt durchmischt wie das Interieur: Junge und Alte, Dreadlocks und Scheitel, Hiesige und Auswärtige. Was sie eint, ist der Durst auf den vielleicht besten Gin Tonic der Stadt – wahlweise mit Pink Grapefruit, Gurke oder Rosmarin – und die Liebe zu wohlselektierten Indie-, Rare- und Groove-Klängen. // kabuff.at

»Ich bin ein wahrer Kaffee-Rundumsorger«
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Foto: Rainer Fehringer

Kaffee ist hier eine Familiensache. Paul Sorger, „Sprössling“ des Grazer Traditionskaffeehauses Sorger mit zig Filialen in der ganzen Stadt, hat sich mit dem „Paul & Bohne“ in der Josefigasse seine eigene kreative Spielwiese geschaffen – mit angeschlossener Rösterei versteht sich. „Wir sind sozusagen ein Kaffeerundumsorger, bei dem es von der Maschine bis zur Bohne alles gibt, was es für einen guten Kaffee braucht.“ Neben den sechs Blends kann man sich im „Paul & Bohne“ auch durch unterschiedliche Single Origins kosten, und sogar Spezialitäten wie der „Panama Geisha“ finden sich im Angebot. „Wir wissen natürlich, dass nicht jeder auf die sogenannte ,Third Wave’ aufgesprungen ist und nur noch hell geröstete Arabica Single Origins trinkt“, sagt Sorger. Daher gibt es in seinem Laden Cappuccino ebenso wie Bullet Coffee oder Iced Latte. Und für alle, die der Paul mit seiner Bohnen-Leidenschaft angesteckt hat, veranstaltet er regelmäßig Workshops, Live-Röstungen und Verkostungen. // paulundbohne.at

»Unsere exotische Küche fusionieren wir gerne auch steirisch«
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Foto: Rainer Fehringer

Wer das Caylend ansteuert, legt in einem sicheren Hafen an, der exotische Geschmäcker aus aller Welt verspricht – und hält. Zu verdanken ist das den beiden Globetrottern Simone Maringer und Peter Wölfer, die im Lauf ihrer Gastrokarriere viel herumgekommen sind und ihre Erlebnisse seit 2014 in ihrem eigenen Lokal in Graz auf die Teller bringen. Die längste Zeit waren die beiden auf den Cayman Islands, weshalb die Karibik auf der Speisekarte natürlich eine große Rolle spielt. „Uns darauf zu beschränken wäre aber auch langweilig“, meint Simone. So ist der Königslachs ein Wildfang aus Alaska, der Yellowfin Tuna kommt aus dem Indischen Ozean, und auch die Calamari sind Wildfang. Koriander, Zitronengras und Kokos sind treue und geschmacksintensive Begleiter der Gerichte, gerne wird auch steirisch fusioniert. Dass die beiden nicht nur eine Leidenschaft für gutes Essen teilen, sondern auch für hervorragende Weine, zeigt der Keller, der vor allem auch zahlreiche Natural-Weine zu bieten hat. // caylend.at

IMPRESSIONEN

Mit Cornelia Trantura durch das Lendviertel.

Die Direktorin des Lendhotels stellt uns ihre Lieblingsorte im angesagtesten Viertel von Graz vor.

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WAS SONST NOCH
DIE SCHERBE

Versteckter Gastgarten im Innenhof, ganztägig Küche, tolles Frühstück
scherbe.com

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MACELLO

Der Platzhirsch, bester Prosecco aus einfachen Wasserbechern, Prosciutto & Parmesan, Espresso von Nanini aus Siena
macello.info

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NOËL

Café mit Barcharakter in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Bordells
Mariahilferstraße 19

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Im chilligen Gastgarten des "Paul & Bohne".

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Warum die Individualität auch im Lendhotel eine große Rolle spielt, verrät Cornelia Trantura im Interview - auch in dieser Ausgabe ...

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