HÖHEN RAUSCH

Rooftop-Bars üben auf Barflys eine nicht enden wollende Faszination aus. Vor allem im Sommer nehmen Angebot und Nachfrage signifikant zu. Obwohl sich die meisten von ihnen nach wie vor in den obersten Etagen von Hotels befinden, mehren sich die Dachterrassen-Bars auch an anderen Plätzen in der Stadt. Ein Streifzug über den Dächern Wiens.
Lamée Rooftop Evening_(c)Klaus Vyhnalek.jpg
Lamée Rooftop Bar – wer einen Platz ergattert, kann sich über eine herrliche Aussicht freuen. Die Sicht reicht bis zum Kahlenberg, und man kann das Auge über eine Vielzahl von Bezirken schweifen lassen.
Foto: Klaus Vyhnalek

Das rege Treiben, das sich in diesen Tagen nach Büroschluss an der Ecke Wipplinger Straße / Hoher Markt in der Wiener Innenstadt beobachten lässt, kennt man sonst nur von der Mittagszeit, wenn die dort ansässigen Geschäftsleute zum Businesslunch pilgern. Seit kurzem bleibt man aber offensichtlich auch noch zum Afterwork in der Gegend. Der Grund: Auf der Dachterrasse der Wipplinger Straße 2 eröffnete Ende Juni mit der Pop-up-Bar Organics Sky Garden von Multi-Gastronom und Eventveranstalter Joachim Bankel der jüngste Neuzugang unter den Wiener Rooftop-Bars. Für Bankel ist es bereits die vierte temporäre Sommerlocation, allerdings erst zum zweiten Mal in Folge an besagter Adresse. Dass die Location nach wie vor weitgehend unbekannt ist, beflügelt die Neugierde der Gäste, die erwartungsvoll auf italienischen Designmöbeln Platz nehmen und mit Blick auf den Stephansdom an ihrem Limoncello Spritz nippen. Ähnlich hoch ist auch das Interesse an der ebenfalls zeitlich begrenzten Rooftop-Bar Freiluft – die Stadtterrasse von Paul Rittenauer im geschichtsträchtigen Hochhaus Herrengasse. Auch von dort oben ist den meisten Wienern der Blick auf ihre Stadt neu, war der sogenannte Panoramaraum im 14. Stock doch bislang nur bei exklusiven Veranstaltungen begehbar. Mit nur 131 Quadratmetern Gesamtfläche ist die Freiluft übrigens auch die kleinste unter den Wiener Rooftop-Bars. Maximal 120 Personen finden zeitgleich im Innenbereich und auf der Terrasse Platz, wobei es zwischen den beiden Bartresen, einer Lounge-Ecke und Hochtischen mit Barhockern an gut besuchten Tagen mitunter recht eng werden kann. Auf die weitläufige Aussicht hat das allerdings kaum Auswirkungen. Aufgrund der Rundumverglasung und der umlaufenden Terrasse kann man den Blick auf Wien selbst im dichten Gedränge auch aus den hintersten Reihen uneingeschränkt genießen.

Organic Sky Garden Wien.jpg
Organics Sky Garden - auf italienischen Designmöbeln Platz nehmen und mit Blick auf den Stephansdom an einem Limoncello Spritz nippen.
Foto: Organics by Red Bull

Ein Glück für Barflys, die Rooftop-Bars doch primär wegen der zu erwartenden Weitsicht besuchen. Dass die Qualität der Drinks locker mithalten kann, scheint dabei oft nebensächlich zu sein. Zu Unrecht, wie Gastronomieberater Martin Mayerhofer von Kohl & Partner festhält: „Man merkt überwiegend, dass sich die Betreiber von Rooftop-Bars der höheren Erwartungshaltung der Gäste bewusst sind und somit für ihr Produkt auch auf besondere Qualität achten. Mitunter sind es auch Orte, an denen man gerne arbeitet – nicht nur wegen der Aussicht auf die Stadt, auch wegen der Aussicht auf gutes Trinkgeld, weshalb es hier letztendlich noch eher möglich ist, gute Mitarbeiter zu finden.“ Auf die Bar Freiluft trifft Mayerhofers Analyse durchaus zu. Head-Bartender ist Bert Jachmann, der nach Stationen im Fabios und Heuer am Karlsplatz derzeit vor allem als Bar-Consultant und Veranstalter des Cocktail-Festivals Liquid Market in Erscheinung tritt. Mit seinem Barkonzept „Vienna World of Mule“ konnte Jachmann namhafte Wiener Barkeeper wie Dominik Oswald (Hammond Bar), Katharina Schwaller (Heuer am Karlsplatz), Georgios Papanidis (Motto am Fluss), Roberto Pavlovic (Roberto American Bar), Adrian Perez de Siles Martinez (Park Hyatt Vienna), Kan Zuo (The Sign) und Mario Hofferer (International Cocktail Entertainment) gewinnen, die abwechselnd immer freitags im Rahmen einer Guestshift ihre Interpretation eines Mule servieren. Es scheint fast so, als ob sich selbst die Branche den Blick von der höchstgelegenen Dachterrasse der Wiener Innenstadt nicht entgehen lassen möchte. Der Gast profitiert in diesem Fall doppelt.

Die Stadt von oben

Doch was steckt hinter der Faszination Rooftop-Bar? Warum wirken sie auf Betreiber wie Gäste gleichermaßen anziehend? Laut Gastronomie-Experte Martin Mayerhofer waren es zu Beginn vor allem internationale Vorreiter aus der gehobenen Hotellerie, die in den obersten Stockwerken ihrer Häuser Bars integriert und damit auch heimische Investoren und Immobilienentwickler auf die Idee gebracht haben, nicht nur in vermietbare Immobilien in guter Lage, sondern auch in Genuss- bzw. Prestigeprojekte zu investieren. „Die Gastronomie steht sprichwörtlich Kopf. Die Generation, die derzeit in der Mitte ihres Lebens steht – möge jeder selber sein Wunschalter definieren – wird in Erinnerung an so manch längeren Jugendabend schnell im Keller landen, genauer gesagt in einer Kellerbar. Es waren Orte, an denen man versteckt laute Partynächte feiern konnte.

»Man merkt, dass sich Betreiber von Rooftop-Bars der höheren Erwartungshaltung der Gäste bewusst sind und für ihr Produkt auch auf besondere Qualität achten«

Heutzutage trifft man sich hingegen in den angesagten Rooftop-Bars einer Stadt. Sie sind Wunschorte vieler Menschen, in denen man das Leben genießen und den Sternen möglichst nahe sein kann.“ Die Bar-Konzepte der Luxushotels seien schließlich schrittweise durch schicke, günstigere Konzepte kopiert worden, so Mayerhofer weiter, wodurch es Rooftop-Bars mittlerweile in verschiedenen Kategorien gibt. Im Sinne der Schaffung von Lebensraumkonzepten in der Stadt gelang es den Hotels, sich zu öffnen und mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu treten. „Zudem hat man bemerkt, dass Rooftop-Bars mehr Anziehungskraft haben. Dies ist zwar nicht alleine wirtschaftlich argumentierbar, da die obersten Ebenen auch für Suiten gute Einkünfte bringen, aber sie sind Teil des Marketings. Und was im Marketing zählt, ist eine möglichst große Reichweite. Rooftop-Bars schaffen wesentlich mehr Frequenz, als es ein Highend-Zimmer bringen würde. Man tritt mit der Marke in Kontakt. Die Betreiber senken somit die Hürde zu ihrer vermeintlich exklusiven Marke und erreichen das heterogen gewordene Publikum“, führt Mayerhofer weiter aus. Auch für Geschäftsreisende kann eine Rooftop-Bar ein überzeugendes Argument sein, sich für das jeweilige Haus zu entscheiden. Die Hotelzimmer einer Kategorie sind relativ austauschbar, weshalb der Gast nach Highlights sucht, die er mit seinem Trip verbinden kann. Da bietet es sich natürlich an, auch gleich im selben Hotel zu übernachten, auf dessen Dachterrasse man abends seinen Sundowner einnimmt. Mayerhofer: „Nicht zuletzt weiß man auch, dass in den digitalen Medien vor allem Geschichten und Fotos von ,Best-Picture-Points‘ geteilt werden. Somit werden Orte geschaffen, die Emotionen ausstrahlen und in Form von Bildern um die Welt gehen. Vergleichbar sind diese Bars auch mit den Sky-Spas und deren Rooftop-Pools. Auch diese sind nach und nach vom Keller auf das Dach gewandert und schaffen durch ihre Instagrammability einen Marketingmehrwert für das Haus.“

Stimmiges Gesamtkonzept

Eine, die in puncto Instagram-Tauglichkeit gerade die Nase vorne hat, ist die im Mai 2019 eröffnete Rooftop-Bar Aurora im 16. Stockwerk des Hotels Andaz Vienna Am Belvedere. Lampenschirme über der Bar, die wie Möwen anmuten, eine offene Feuerstelle, Lammfelle auf Bänken und Stühlen: Das passende Foto vor der eindrucksvollen Wien-Kulisse ist schnell gefunden. Barchef in diesem außergewöhnlichen Refugium ist Marcus Philipp, ehemals Albertina Passage, Spelunke und zuletzt Sky Bar, der sich von nordischem Design und Namen zu Drinks mit Skandinavien-Bezug inspirieren ließ. Sein „Icelandic Frozen Joghurt Under A Sheep Wool Blanket“ etwa ist seine Version eines Frozen Joghurt aus Akvavit, Honig, Filmjölk – einer sämigen Dickmilch – und frischen Beeren, das mit einem Espuma aus mit Zerealien getränkter Schafsmilch getoppt wird. Ein stimmiges Gesamtkonzept, das seit der Eröffnung von Erfolg gekrönt ist.

Was aber kaum einer weiß: Das Andaz verfügt noch über eine weitere Bar, die sich im hintersten Teil der Lobby und außer Sichtweise vor allem jener Gäste befindet, die in die Aurora über den außen gelegenen Direktlift gelangen. Gerade im Sommer steht sie – fast wörtlich gesprochen – im Schatten ihres höher gelegenen Pendants. Die Andaz-Betreiber – und viele andere Häuser auch, siehe die Paarungen Das Loft Bar/BARterre im SO/Vienna oder 57 Lounge/Flow Bar im Meliá Vienna – stellt das vor eine besondere Herausforderung: „Für Hotelbetreiber mit mehreren Outlets muss es ein wohlabgestecktes Gesamtkonzept sein, damit In- und Outdoor-Bereiche gleichermaßen bzw. parallel funktionieren. Die Zugänge und Nutzungsvarianten sind hier unterschiedlich. In manchen Fällen funktionieren Rooftop-Bars singulär als Sommerprodukt und stellen somit einen Magneten für Stadthotels dar. Idealerweise sind die Angebote aber aufbauend konzipiert, und die Nachfrage regelt es von selbst, sodass beide Bereiche gleichermaßen frequentiert sind“, meint Gastro-Berater Martin Mayerhofer.

Im „The Ritz-Carlton“ an der Wiener Ringstraße verringert man die Gefahr eines möglichen Kannibalismus-Effekts mittels zweier unabhängiger Barkonzepte: In der ebenerdigen, innen gelegenen D-bar nehmen Bar-Manager Lukas Hochmuth und sein Team ihre Gäste mit auf eine lukullische Reise um die Welt. Dazu gibt es ein Bar-Menü in Reisepass-Form und 13 Eigenkreationen, die typische Geschmäcker aus zwölf internationalen Mixology-Hotspots aufgreifen. In der Atmosphere Rooftop Bar auf der Dachterrasse im achten Stock, die jährlich ab April über die Sommermonate hinweg geöffnet ist, dominiert hingegen das Motto „Made in Austria“. Die Zutaten für die Drinks kommen fast ausschließlich aus Österreich. Laut The Ritz-Carlton Vienna Marketing & Communications Manager Denis Nordmann seien es eben gerade die unterschiedlichen Konzepte, die die Nachfrage auch im Sommer in beiden Bars oben halten. Indoor hin oder her. Sich allein auf dem Ausblick auszuruhen, kann und will man sich auch angesichts der starken Konkurrenz also scheinbar nicht leisten.

Hoher Qualitätsanspruch

Das betont man auch in der Sky Bar auf dem Dach des Kaufhauses Steffl Department Store in der Wiener Kärntner Straße. „Der Besuch in der Sky soll nicht nur durch die Aussicht zum Erlebnis werden“, heißt es, weshalb man vor gut einem Jahr den international mehrfach ausgezeichneten Bar-Routinier Heinz Kaiser engagierte. Kaiser ist Österreichs einziger studierter Barkeeper, denn er hat das gelernt, was der Materie am nächsten ist: Pharmazie. Kaiser weiß alles über die Spirits, Säfte, Früchte und Kräuter, die er hinter der Theke zusammen mischt, und setzt damit die Tradition des amerikanischen Drugstores, der Keimzelle der Bar, fort. „Alkohol ist in der Pharmazie ein oft verwendeter Zusatzstoff. Die meisten flüssigen Arzneien beinhalten in der einen oder anderen Form Alkohol. Daher hat man als Apotheker häufig damit zu tun, wenn es darum geht, Heilmittel zu schaffen. Oder auch das Anfertigen der verschiedenen Sirupe, Fruchtsirupe, Infusionen, Liköre – all das macht man sowohl in der Apotheke als auch in einer Bar“, zieht Kaiser die Parallelen. In der Sky Bar, die als klassische American Bar konzipiert ist, liegt sein Fokus entsprechend auf Frische und Qualität sowie auf Eigenkreationen, etwa einen „Deconstructed Daiquiri“, eine molekulare Interpretation des beliebten Bar-Klassikers, die hierzulande ihresgleichen sucht.

Der Hype um die Bars in luftiger Höhe ist also mehr als berechtigt. Dabei scheint der Peak noch lange nicht erreicht zu sein – auch was die Locations betrifft. Nach den Hotelbars poppen die Freiluft-Bars immer häufiger auch an anderen Stellen auf: Sei es in den obersten Etagen von Shopping-Malls, wie die Bar Skygarden auf der Passage Linz und die Bar 360 auf den Rathaus-Galerien in Innsbruck, oder auf Bürogebäuden wie im eingangs erwähnten Organics Sky Garden über der Niederlassung der Hypo Niederösterreich in Wien 1 oder in der wenige Gehminuten entfernten Bar Freiluft im Hochhaus Herrengasse. Unabhängig von ihren Standorten zeigt sich in den Rooftop-Bars aber vor allem eines: So spektakulär wie die Aussicht sind in den meisten Fällen auch die Drinks.

ADRESSEN

ORGANICS
BY RED BULL
SKY GARDEN
Wipplinger Straße 2
1010 Wien

FREILUFT
DIE STADTTERRASSE
Hochhaus Herrengasse
Herrengasse 6-8
1010 Wien
freiluft.bar

AURORA
ROOFTOP BAR
Andaz Vienna
am Belvedere
Arsenalstraße 10
1100 Wien
hyatt.com

ATMOSPHERE
ROOFTOP BAR
The Ritz-Carlton Vienna
Schubertring 5-7
1010 Wien
ritzcarlton.com

DAS LOFT BAR
SO/ Vienna
Praterstraße 1
1020 Wien
dasloftwien.at

57 LOUNGE
Meliá Vienna
Donau-City-Straße 7
1220 Wien
57melia.com

SKY BAR
Steffl DepartmentStore
Kärntner Straße 19
1010 Wien
steffl-vienna.at

SKYGARDEN
Passage Linz
Landstraße 17-25
4020 Linz
skygarden.at

BAR 360
RathausGalerien
Maria-Theresien-Straße 18
6020 Innsbruck
360-grad.at

SCHWINDELFREI UM DIE WELT

LEBUA SKY BAR
Lebua at State Tower
Silom, Bangkok, Thailand
lebua.com

AER
Four Seasons Hotel
1/136, 34th Floor
Dr E Moses Rd, Worli
Mumbai, Indien
fourseasons.com

UPSTAIRS BAR
Hotel The Kimberly
145 East 50th Street
New York, USA
upstairsnyc.com

LE 360°
Radisson Blu 1835
Hotel & Thalasso
2 Boulevard du Midi
Jean Hibert
Cannes, Frankreich
radissonblu.com

RADIO ROOFTOP
Me Hotel
336-337 Strand
London WC2R 1HA
Großbritannien
radiorooftop.com

FLAIR
The Ritz-Carlton
Shanghai Pudong
8 Century Ave
Lu Jia Zui, Pudong Xinqu
Shanghai, China
ritzcarlton.com

APARTMENT BAR
Amano Grand Central
Heidestraße 62
Berlin, Deutschland
amanogroup.de

BLU BAR ON 36
Shangri La Hotel
176 Cumberland St
Sydney NSW 2000
Sydney, Australien
shangri-la.com

Rooftop-Bar Aurora
Marcus Philipp, Bar-Manager Aurora.jpg

Barchef Marcus Philipp ließ sich vom nordischem Design und Namen "Aurora" zu Drinks mit Skandinavien-Bezug inspirieren. Sein „Icelandic Frozen Joghurt Under A Sheep Wool Blanket“ etwa ist seine Version eines Frozen Joghurt aus Akvavit, Honig, Filmjölk – einer sämigen Dickmilch – und frischen Beeren, das mit einem Espuma aus mit Zerealien getränkter Schafsmilch getoppt wird.

Aurora Sundowner.jpg
Rooftop Bar Atmosphere
Ritz Carlton_ Atmosphere Rooftop Bar(3).jpg

In der Atmosphere Rooftop Bar auf der Dachterrasse im achten Stock des Ritz Carlton dominiert das Motto „Made in Austria“.

Rooftop Sky Bar
Sky Bar American Bar.jpg

Der Besuch in der Sky soll nicht nur durch die Aussicht zum Erlebnis werden

Sky BarTerrasse.jpg

Kontakt