ESSKULTUR FÜR TAUSENDE GÄSTE

Früher gingen Großevents zwangsläufig mit riesigen Müllbergen einher. Einen Gutteil des Abfalls machten dabei Einwegbesteck und Geschirr sowie Wegwerf-Becher aus Plastik aus. Doch seit ein paar Jahren hat ein radikaler Umdenkprozess eingesetzt. Immer mehr Veranstalter zeigen, dass man auch tausende Menschen ohne Wegwerf-Geschirr versorgen kann.
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Foto: Christian Jobst

Intim ist anders, aber Essen hat ja auch einen sozialen Aspekt. Abend für Abend kommen im Juli und August tausende Einheimische und Touristen auf den Wiener Rathausplatz, um gemeinsam unter freiem Himmel zu speisen. Den künstlerischen Rahmen bildet das Wiener Filmfestival, das heuer bereits zum 29. Mal stattfindet. Zweifellos gibt es auch zahlreiche Musikfans, die vor allem wegen der gezeigten Aufführungen kommen, doch für viele ist das vielfältige Gastronomie-Angebot die eigentliche Attraktion. Man schlendert von Stand zu Stand und hat die Wahl zwischen Weißwurst mit Laugenstangerl, Dim Sum, Steaks, Käsespätzle, Pulled Pork Tacos, indischen Streetfood-Klassikern, Lachs Teppanyaki, Sichuan-Hotpots, Samosas und natürlich Wiener Schnitzel. Letztere werden vor den Augen der Gäste frisch gebacken und stets mit einem Lächeln serviert. Und zwar nicht auf Papp- oder Plastiktellern, sondern auf edlem Porzellan. Gegessen wird mit richtigem Besteck. Bier, Wein oder alkoholfreie Getränke werden in richtige Gläser eingeschenkt.

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Foto: Michael Otto
»Man kann gutes Essen natürlich mit echtem Besteck und Porzellan servieren.«

Möglich ist dies alles durch einen gewaltigen logistischen Aufwand, der im Hintergrund von Österreichs Parade-Caterer Do & Co erledigt wird. Von Anfang an war Do & Co als gastronomischer Generalunternehmer Partner der Stadt Wien und kümmert sich nicht nur um die Auswahl der rund 30 teilnehmenden Gastronomen, sondern vor allem auch um deren Versorgung mit sauberem Geschirr, Besteck und Gläsern. Tausende Gläser und Teller werden hinter den Kulissen in einer professionellen Spülstation gereinigt und den einzelnen Ständen wieder zu Verfügung gestellt. Der Schwund hält sich dabei überraschenderweise in Grenzen. Man kann es zwar kaum verhindern, wenn es ein Besucher darauf anlegt, die benutzte Gabel in der Hosentasche verschwinden zu lassen, doch tatsächlich passiert das eher selten. Und die Vorteile von wertigem Mehrwegbesteck aus Metall überwiegen den geringen Schwund bei weitem. Vor einigen Jahren wurde noch mit Einwegbesteck aus Holz gegessen, das ökologisch weit weniger bedenklich ist als Plastik, aber eben doch ein Wegwerf-Instrument bleibt. „Es hat eine ganze andere Anmutung, wenn man sein Schnitzel mit echtem Besteck genießen kann. Vor allem ausländische Gäste sind immer wieder überrascht, wenn sie sehen, dass man auch in einem derart großen Rahmen gutes Essen mit echtem Besteck und Porzellan servieren kann“, erklären Alexander und Sebastian Laskowsky, die mit ihrem Gmoakeller bereits seit vielen Sommern am Rathausplatz dabei sind.

Abfallvermeidung als Strategie

Die Gemeinde Wien verfolgt bei Großveranstaltungen seit vielen Jahren eine ambitionierte Müllvermeidungsstrategie und geht bei eigenen Veranstaltungen wie etwa dem Filmfestival mit gutem Beispiel voran. Das 2011 beschlossene Abfallwirtschaftsgesetz gilt jedoch für alle Großveranstaltungen, also auch Sportevents oder Konzerte und Festivals. Wenn sich zigtausende Fans im Ernst-Happel-Stadion versammeln, um wie in diesem Sommer Rockstars wie Bon Jovi, Rammstein oder Metallica zuzujubeln, sorgt ein privater Caterer wie Gourmet Event für die kulinarische Versorgung der Fans. Außer im VIP-Bereich geht da mit echtem Glas aus Sicherheitsgründen natürlich gar nichts. Stattdessen kommen Mehrwegbecher aus Hartplastik zum Einsatz, die mehrere tausend Reinigungen in der Spülmaschine standhalten. Weil sich diese Becher auch als attraktive Werbeträger eignen, kostet die Anschaffung de facto nichts. Die Stadt Wien achtet streng darauf, dass das Abfallvermeidungsgesetz eingehalten wird, doch sieht man sich vor allem als Partner und nicht als strafendes Kontrollorgan. „Wir stehen im Vorfeld einer Großveranstaltung mit Beratungsleistungen zur Verfügung und kennen die meisten Protagonisten über die Jahre sehr gut. Es hat sich ein gedeihliches Miteinander entwickelt. Es ist ja nicht so, dass Veranstalter Ökologie und Müllvermeidung notwendigerweise als mühsame Pflichtaufgabe sehen. Viele wollen aus eigener Überzeugung über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Tun sie das, können sie ihre Veranstaltung auch mit dem Prädikat ÖkoEvent bewerben“, erklärt Ulrike Stocker von der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 für nachhaltige Entwicklung.

Mobile Spülprofis für Großevents

Während die MA 22 vor allem beratend tätig wird, macht man sich bei der MA 48 durchaus die Hände schmutzig. Die „48er“ sind bekanntlich für die Müllentsorgung der Stadt verantwortlich und betreiben seit einigen Jahren auch zwei sogenannte Geschirrmobile, die man für Großveranstaltungen mieten kann. Das Geschirrmobil ist wie ein Wohnwagenanhänger, der mit zwei Profi-Geschirrspülern ausgestattet ist und für Veranstaltungen von 200 bis 2.000 Personen zum Einsatz kommt. Auf Wunsch kann man auch Gläser und Porzellangeschirr anmieten. Das Geschirrmobil ist überall in Wien einsetzbar, braucht jedoch vor Ort Starkstrom, Wasser und einen Mischkanalanschluss.

Palmenblätter und Holz statt Plastik

Vor allem am Land ist es nicht überall möglich, mit Mehrweg-Geschirr zu arbeiten. Bei manchen Events fehlt einfach die Möglichkeit, schnell und effizient zu spülen, sodass auf Einweg-Geschirr zurückgegriffen werden muss. In Oberösterreich heißt es zum Thema Abfallvermeidung, dass in Ausnahmefällen auch Pappteller sowie Schüsseln aus nachwachsenden Rohstoffen verwendet werden dürfen. Einweg-Plastikbecher und Teller, wie sie im privaten Rahmen immer noch verwendet werden, sind jedoch immer ein absolutes No-Go. Überraschen mag der Hinweis – oder besser die Warnung – vor „biologisch abbaubaren“ Kunststoffen. Das sind „biobasierte“ Kunststoffe, die zumindest teilweise aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden, Bio-PET zum Beispiel. Ein Stoff, der aus Zuckerrohr und fossilen Rohstoffen besteht und de facto wie konventionelles Plastik entsorgt werden muss. Die Hinweise „biologisch abbaubar“ und „kompostierbar“ bedeuten nichts anderes, als dass unter sehr spezifischen Bedingungen und unter Zuhilfenahme bestimmter Mikroorganismen der Kunststoff abgebaut werden kann. „Kompostierbare“ Bio-PET-Teller auf den Kompost im Garten zu werfen ist also wenig zielführend. Wenn die Teller endlich zu Kompost geworden sind, wohnt bereits die vierte oder fünfte Generation im Haus.

Einer der Favoriten ist Geschirr aus Palmblättern. Palmblattgeschirr wird aus Blättern der Betelnusspalme, auch Arekapalme genannt, gepresst. Als Nebenprodukt bei der jährlichen Nussernte fallen die circa zwei Meter langen Blätter von der Palme. Die Blätter werden anschließend (ohne Zusatz von Chemikalien) und unter Hochdruck gereinigt, gebürstet und getrocknet. Im folgenden Stanzprozess werden aus ihnen unterschiedliche Teller, Schüsseln und Platten gemacht, die zu 100 Prozent kompostierbar sind.

Öko-Jazzer & grüne Rocker

Dass der Gesetzgeber für Großevents gesetzliche Vorschriften macht, um unnötigen Müll zu vermeiden, ist verständlich. Doch nicht alle Veranstaltungen haben einen rein monetären Aspekt. Gerade wenn uns um „alternative“ Musik geht, steht oft der Idealismus im Vordergrund, und ökologisches Bewusstsein ist ein integraler Bestandteil der Veranstaltung. Wenn der Bio-Bauer Paul Zauner jedes Jahr zu Pfingsten zum Festival Inntöne auf seinen Buchmannhof bei Schärding lädt, geht es dem begeisterten Jazzmusiker nicht nur darum, Kultur für die Ohren zu bieten. Auch die Produktion von ehrlichen Lebensmitteln und deren Verwandlung zu wohlschmeckenden Gerichten ist für ihn Teil der Kultur. Dass er dabei nicht Wegwerf-Geschirr verwendet, versteht sich von selbst und hat nichts mit etwaigen Gesetzen zu tun.

Die MetalDays, die jeden Juli im Julijske Nationalpark in Slowenien stattfinden, sind bereits seit einigen Jahren Mitglied bei eco initiativa. Die Organisation bestätigt den Veranstaltern, dass seit 2015 knapp 5.000 kg CO2 eingespart wurden, knapp 200.000 Wasserflaschen recycelt und 41 Bäume gerettet wurden. Dafür wurde an mehreren Schrauben gedreht. Im Bereich der Verpflegung wird zum Beispiel mit wiederbefüllbaren Flaschen und freiem Zugang zu klarem Trinkwasser gearbeitet. Plastikbesteck und -geschirr wurde erst durch biologisch abbaubare Produkte, dann durch Holz ersetzt. Bei einem Besuch dieses wunderbaren Festivals in traumhafter Umgebung fällt auf, dass auch scheinbar extracoole Outlaws eine grüne Seele haben. Hier wird kein Papierl weggeschmissen, und auch den „üblichen Dreck“ eines Festivals wie leere Bierdosen, Zigarettenpackungen und Plasiksackerln sucht man vergeblich. Man hilft sich gegenseitig und hat es sich zum Sport gemacht, den Nationalpark sauberer zu verlassen, als man ihn betreten hat. Die Politik kann gesetzliche Vorgaben machen, die Veranstalter müssen eine funktionierende Infrastruktur (Mistkübel, Toiletten etc.) zur Verfügung stellen, doch schlussendlich kommt es auch auf das Bewusstsein jedes einzelnen Besuchers an, wenn man guten Gefühls unter freiem Himmel genießen will.

WIENER RATHAUSPLATZ
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Von Anfang an war Do & Co als gastronomischer Generalunternehmer Partner der Stadt Wien und kümmert sich nicht nur um die Auswahl der rund 30 teilnehmenden Gastronomen, sondern vor allem auch um deren Versorgung mit sauberem Geschirr, Besteck und Gläsern. Tausende Gläser und Teller werden hinter den Kulissen in einer professionellen Spülstation gereinigt und den einzelnen Ständen wieder zu Verfügung gestellt.

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GESCHIRRMOBIL MA 48
»Viele Veranstalter wollen aus eigener Überzeugung über gesetzliche Mindeststandards hinausgehen«

ULRIKE STOCKER / MA 22

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Die Stadt Wien achtet streng darauf, dass das Abfallvermeidungsgesetz eingehalten wird, doch sieht man sich vor allem als Partner und nicht als strafendes Kontrollorgan.

Das Geschirrmobil der MA 48 kommt für Veranstaltungen von 200 bis 2.000 Personen zum Einsatz.

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Einer der Favoriten ist Geschirr aus Palmblättern. Palmblattgeschirr wird aus Blättern der Betelnusspalme, auch Arekapalme genannt, gepresst.

KEEP HALM!
BE DIFFERENT!
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So ein Strohhalm ist eine schlaue Sache. Man nimmt einen Getreidehalm, schneidet ihn auf der gewünschten Länge ab, und schon hat man ein praktisches Trinkgerät. Danach wirft man es einfach weg. Bedenkenlos.

Das funktionierte jahrhundertelang.

Dann kam das Plastik.

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Wenn der Bio-Bauer Paul Zauner zum Festival Inntöne lädt, versteht sich von selbst, dass er dabei nicht Wegwerf-Geschirr verwendet. Und hat nichts mit etwaigen Gesetzen zu tun.

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Die hartgesottenen Besucher der Metaldays in Slowenien haben es sich zum Sport gemacht, das Festivalgelände sauberer zu verlassen, als sie es betreten haben.

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