DAS LENDHOTEL: FRISCHER WIND IN GRAZ

Die Direktorin des Lendhotels verrät im Interview, warum Individualität auch in ihrem Hotel eine große Rolle spielt.
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Foto: Rainer Fehringer

Es weht ein frischer Wind im Grazer Lendviertel. An der Ecke zum Bauernmarkt ist es sogar ein etwas kräftigerer Stoß, der das leere Plastiksackerl vor die Füße unserer Interviewpartnerin bläst. Sie bückt sich, hebt das Sackerl auf und wirft es in den Mülleimer. Die Leute hier im Lend passen auf ihr Grätzel auf. Das war nicht immer so. Früher galt das Viertel auf der rechten Seite der Mur als etwas heruntergekommen. Rotlicht, mieser Wohnbau, schlechte Gegend. Dann haben sich Künstler und Kreative angesiedelt, Stück für Stück ist eine bunte Gastro dazugekommen. Heute zählt der Lend zu den hipsten Gegenden der steirischen Landeshauptstadt. Ein Kleinod voller Lust und Leben, voller Ideen und Inspirationen – und vor allem ein Ort der Next Generation. Zu der zählt auch Cornelia Trantura: 25 Jahre jung und Direktorin des neuen Lendhotels, das genauso bunt und fröhlich ist wie das Viertel selbst.

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Ein Geheimtipp ist die Dachterrasse mit Blick auf den Schlossberg.
Foto: Rainer Fehringer
Ist die Individualität die wichtigste Charaktereigenschaft im Lend?

Individualität ist das Wesen dieses Viertels. Hier ist es bunt, an jeder Ecke Lokale, die Gastgärten gut gefüllt, vorne am Platz der Bauernmarkt – dazu die unterschiedlichsten Menschen mit den verrücktesten Ideen. Mit dem Lendhotel sind wir hier also bestens aufgehoben.

Wie zeigt sich diese Individualität in Ihrem Hotel?

Die zeigt sich in der Freiheit, die wir unseren Gästen bieten. Wir versuchen das umzusetzen, indem wir auf möglichst viele vorgefertigte Strukturen verzichten. So haben wir zum Beispiel von Beginn an auf das klassische Frühstücksbuffet verzichtet. Bei uns wird auch der Genuss am Morgen à la carte serviert.

Aber ist nicht gerade ein Buffet ein Ausdruck von Individualität – jeder nimmt sich das, worauf er gerade Lust hat?

Nur auf den ersten Blick. Es gibt viele Gäste, die gar nicht ausgiebig frühstücken wollen. Für die genügt ein Kaffee und ein Buttersemmerl. Warum sollten die dann den Preis eines ganzen Buffets bezahlen? So garantieren wir nicht nur höchste Flexibilität, sondern auch beste Qualität, weil wir natürlich frischer arbeiten können.

Wie nehmen die Gäste das À-la-carte-Frühstück an? Für ein Hotel ist das ja zunächst etwas Ungewöhnliches …

Zu Beginn hatten wir hier tatsächlich ein paar Startschwierigkeiten. Aber ist das bei neuen Projekten nicht immer so? Es dauert ein wenig, bis sich die Abläufe eingespielt haben. Unsere Gäste schätzen diese neu gewonnene Freiheit am Morgen inzwischen sehr. Beste Kaffeequalität aus der Siebträgermaschine anstatt vorgemachten Filterkaffees aus der Kanne, sämtliche Aufstriche produzieren wir im Haus selbst, vieles kaufen wir auch vom Bauernmarkt am Lendplatz ein.

Der benachbarte Bauernmarkt als Bauchladen für das Hotel?

Er ist Inspiration und Bauchladen in einem. Was hat gerade Saison? Welches Obst, welche Früchte oder welches Gemüse leuchtet gerade besonders bunt heraus? Vieles kaufen wir am Bauernmarkt frisch, vieles
wird aufgrund der Mengen natürlich auch direkt von den Bauern geliefert. Eier zum Beispiel, Milch und Joghurt von Mantscha oder jeden Tag frisch das Brot vom Grazer Bäcker Strohmayer – die Basis für unser Smørrebrød, das wir von Mittag bis zum Abend servieren. Stets belegt mit den unterschiedlichsten Köstlichkeiten von Lachs bis Beef tatar. Dazu kommen die Quinoa-Bowls. So schnüren wir ein kulinarisches Gesamtpaket, mit dem wir nicht nur Hotelgäste ansprechen, sondern auch die Grazer selbst.

Was auffällt: Das Lendhotel ist ein weiteres Haus ohne Sterne. Ist die Klassifizierung unnötig geworden?

Das ist eine Frage des Standortes und eine Frage des Tourismus. Es gibt Betriebe, für die ist die Klassifizierung mit Sternen wichtig. Gerade in der Stadthotellerie aber, in der viele Buchungen aufgrund von Bewertungen auf Onlineportalen passieren, sind Sterne aus meiner Sicht nicht mehr notwendig. Sterne vermitteln zudem oft ein vorgefertigtes Klischee. Heute spricht der Stil eines Hauses für sich. Und was noch viel wichtiger ist: Was erzählen die Gäste über ein Haus? Wie kann man Momente kreieren, die in Erinnerung bleiben? Das kann man beeinflussen.

Und wie?

Wir begrüßen zum Beispiel jeden unserer Gäste mit einer handgeschriebenen Karte auf dem Zimmer. Ein anderes Beispiel ist die Süßigkeiten-Bowl in der Lobby – eine große Glasschüssel, die jeden Montag mit einer anderen Süßigkeit aufgefüllt wird, Kindheitserinnerungen vom Wiener Zuckerl bis hin zu nimm2-Bonbons. Greift ein Gast bei einer bestimmten Süßigkeit besonders gern zu, dann wird er genau diese beim nächsten Mal auch auf seinem Zimmer finden. Es sind oft kleine Gesten wie diese, die in Erinnerung bleiben. Eine wichtige Rolle spielt bei uns natürlich auch die Kunst, wie das ja in allen Hotels von Helmut Marko der Fall ist. Das Lendhotel mit seinen gut 200 Werken aus seiner Privatsammlung ist hier aber noch einmal eine Ausnahme, weil wir passend zum Viertel noch einmal mutiger und bunter auftreten können.

Welches ist Ihr Lieblingswerk?

Im Stiegenhaus hängt eine Collage von Gabi Trinkaus, die mich beim Vorbeigehen immer wieder in ihren Bann zieht. Viele Einzelteile, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Eigentlich ein schönes Sinnbild für das Lendviertel, das ja auch erst durch seine vielen individuellen Protagonisten zum Gesamtkunstwerk geworden ist.

Mit 25 Jahren zählen Sie zu den jüngsten Hoteldirektorinnen Österreichs. Welche Rolle spielt das Alter für die Aufgabe?

Je älter man wird, desto mehr Lebenserfahrung hat man – so viel ist klar. Was umgekehrt aber nicht bedeutet, dass man nicht auch als junger Mensch einen guten Job machen kann. Natürlich ist es manchmal schwierig, sich in der Position zu behaupten und sich Respekt zu erarbeiten. Aber ich denke, das ist keine Frage des Alters.

Graz gilt für die Hotellerie als heiß umkämpftes Pflaster. Ständig drängen neue Hotels auf den Markt. Fluch oder Segen?

Ich sehe das zunächst einmal positiv. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Dazu kommt eine starke Wirtschaft und ein wachsender Tourismus. Konkurrenz wird es immer geben. Umso wichtiger ist, dass man sich mit seinem Produkt klar positioniert. So bunt, wie sich Graz heute seinen Besuchern präsentiert, so bunt ist auch die Hotellandschaft. Und hier im Lend leuchten wir vielleicht sogar am grellsten.

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»Eine wichtige Rolle in unserem Haus spielt die Kunst«
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Smørrebrød, servieren wir von Mittag bis zum Abend. Stets belegt mit den unterschiedlichsten Köstlichkeiten von Lachs bis Beef tatar.

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Dazu kommen die Quinoa-Bowls. So schnüren wir ein kulinarisches Gesamtpaket, mit dem wir nicht nur Hotelgäste ansprechen, sondern auch die Grazer selbst.

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»Die Collage von Gabi Trinkaus zieht mich beim Vorbeigehen immer wieder in ihren Bann. Viele Einzelteile, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Eigentlich ein schönes Sinnbild für das Lendviertel, das ja auch erst durch seine vielen individuellen Protagonisten zum Gesamtkunstwerk geworden ist.«

WER&WO
LENDHOTEL

Das Lendhotel (Eröffnung 2017) ist das bereits dritte Hotelprojekt des Grazers Helmut Marko. Neben dem Lendhotel betreibt der Formel-1-Motorsportberater von Red Bull das Augartenhotel sowie das Schlossberghotel. Noch in diesem Jahr wird er in der Grazer Innenstadt ein weiteres Hotel eröffnen. Die 53 Zimmer im Lendhotel sind individuell gestaltet und zwischen 20 und 30 Quadratmeter groß. Im Jahr 2017 berief Helmut Marko seine Augartenhotel-Mitarbeiterin Cornelia Trantura mit ihren jungen 23 Jahren zur Direktorin und General-Managerin des Lendhotels.

8020 Graz Grüne Gasse 2 lendhotel.at

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