BUKAREST: HIP, LUSTIG, LEBENSFROH

Es muss nicht immer Barcelona, Paris oder Rom sein! Bukarest ist eine erstaunlich attraktive und günstige Destination, wenn man einen kurzen Städtetrip plant. Seit kurzem kann man hier sogar richtig gut essen. Auch beim Thema Wein befindet sich Rumänien seit ein paar Jahren auf der Überholspur.

Um das Image von Bukarest ist es hierzulande nicht allzu gut bestellt. Positive Schlagzeilen sind eine Seltenheit. Österreicher mit Halbwissen haben schon einmal davon gehört, dass der grausame Diktator Nicolae Ceaușescu die gesamte Altstadt schleifen ließ, um kommunistische Protzbauten errichten zu lassen. Auch von Straßenkindern und Armut ist immer wieder zu lesen. Die Politiker seien korrupt, die Arbeitslosigkeit hoch. Aber sonst?

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Hereinspaziert! -Gut zu essen fasziniert Adrian „Adi“ Hădean seit frühester Jugend.
Foto: Restaurant MEATic
»Wir sind die Botschafter unsere Landwirtschaft“«

Man kann die Geschichte natürlich auch ganz anders erzählen. Mit 1,8 Millionen Einwohner ist Bukarest fast genauso groß wie Wien und verfügt über einen ausgedehnten Grüngürtel mit zahlreichen lauschigen Teichen. Man sieht viele junge Leute auf der Straße, die Menschen sind freundlich und lebensfroh. Es ist zwar richtig, dass Ceaușescu nach einem verheerenden Erdbeben einen Gutteil der Altstadt mit pseudo-imperialen Prachtbauten zerstört hat, doch zum einen ist ein Teil der Altstadt erhalten geblieben, zum anderen sind die zentral gelegenen Wohnviertel rund um die ehemalige Altstadt auch wunderschön. Vor allem aber gibt es mittlerweile eine wirklich lebendige Restaurant-Szene mit zum Teil sehr guten Lokalen, die sich in über hundert Jahre alten architektonischen Perlen eingemietet haben. Dass nicht alles blitzblank ist und steril zu Tode saniert wurde, macht das noch sympathischer. Der Begriff „Fine Dining“ ist dabei oft irreführend – auch für Lokale mit zwei oder drei Hauben.

Langeweile nach der Wende

In den besten Restaurants der Stadt geht es oft erstaunlich locker zu. Bis vor ein paar Jahren gab es nur wenige empfehlenswerte Restaurants mit rumänischer Küche, wie etwa das historische Caru’ cu Bere. Das über hundert Jahre alte Bierlokal liegt mitten in der Altstadt und bietet neben selbstgebrauten Bieren auch deftige Hausmannskost. Doch leider scheint es auf der „To-do“-Liste eines jeden Touristen zu stehen, was die Attraktivität dann wieder deutlich mindert. Ausländer, die geschäftlich zu tun haben, bleiben zum Essen zumeist in den Restaurants der internationalen Hotelketten. Gut, das Bistro Francais im Four Seasons Hotel ist tatsächlich empfehlenswert, doch in der Regel sind diese Restaurants teuer und langweilig. Es ist schon dreißig Jahre her, dass Rumänien das verhasste kommunistische Regime abgeschüttelt hat, und auch der EU-Beitritt liegt schon mehr als zwölf Jahre zurück. Doch offensichtlich braucht es einfach seine Zeit, bis eine lebendige Restaurant-Szene entstehen kann. Das hat mit der Verfügbarkeit von hochwertigen Lebensmitteln genauso zu tun wie mit dem Ausbildungssystem für Köche und Gastronomie-Mitarbeiter. Fast jeder der heutigen Hauben-Köche hat ein paar Jahre in einem internationalen Top-Restaurant gearbeitet, bevor er sich – samt Ersparnissen – zu einer Rückkehr entschieden hat. Vor allem aber braucht es auch Gäste, die gute Qualität schätzen und bereit sind, dafür auch entsprechend Geld zu bezahlen. Nach der Wende wurde Bukarest – so wie auch die anderen osteuropäischen Hauptstädte – von internationalen Fastfood-Ketten überschwemmt. Es folgten Sushi-Buden und Steakhäuser, Pizzerien und Bistros. Die eigene Küche wurde gering geschätzt.

Große Stadt und großes Land

Heute wollen die jungen Küchenchefs die Küche ihres Landes in einer zeitgemäßen Form auf den Teller bringen. Auf ein nobles Ambiente wird dabei kein allzu großer Wert gelegt. Die angesagten Restaurants zeigen sich oft mit Shabby Chic und wirken sehr cool. Das aktuell höchstbewertete Restaurant des Landes ist eigentlich ein einfaches Bistro. Küchenchef Alexandru Dumitru hatte im Vorjahr noch in der Provinz gekocht und ist nach einer erfolgreichen Sommersaison im verträumten Valea Doftanei in die Hauptstadt gegangen und hat sich im Bistro Ateneu mit 15,5 Punkten auf Anhieb die höchste Gault-Millau-Bewertung des Landes erkocht. Das ist umso erstaunlicher, weil Dumitrus Gerichte gänzlich ohne Luxusprodukte auskommen. Nessel-Nudeln oder Huhn mit Spätzle und Kohlrabi klingt jetzt nicht gerade nach Haute Cuisine, doch die subtile Umsetzung traditioneller Gerichte gelingt hier großartig. Wir dürfen gespannt sein, wohin die Reise noch geht. Bevor er als Küchenchef nach Rumänien zurückkehrte, hat Dumitru – so wie fast alle seiner ausgezeichneten Mitstreiter – international auf hohem Niveau gearbeitet: Er war bei Pierre Gagnaire und in der Auberge du Soleil im Napa Valley.

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Küchenchef Alexandru Dumitru hatte im Vorjahr noch in der Provinz gekocht und ist nach einer erfolgreichen Sommersaison im verträumten Valea Doftanei in die Hauptstadt gegangen und hat sich im Bistro Ateneu auf Anhieb die höchste Gault-Millau-Bewertung des Landes erkocht.
Foto: Bistro Ateneu
Multi-Gastronom, Fotograf, Fernseh-Koch, Mentor der Köche des Landes

Das aktuelle Gastronomie-Wunder in Bukarest hat auch unmittelbar mit einem Mann zu tun, der erst seit kurzem in dieser Stadt mit einem eigenen Restaurant vertreten ist. Adrian „Adi“ Hădean kam 1977 im Nordwesten von Rumänien gelegenen Arad zur Welt. Gut zu essen hat ihn von frühester Jugend an fasziniert. Er lernte also kochen. Gleichzeitig interessierte er sich auch fürs Schreiben und Fotografieren. Mangels formaler Ausbildungsmöglichkeiten musste er sich auf internationalen Websites über die weite Welt der Gastronomie informieren. Hădean hat auch ein überdurchschnittliches Mitteilungsbedürfnis und ist telegen. Bereits mit 21 Jahren hatte er 1998 seinen ersten TV-Auftritt. Es folgten zahlreiche weitere Fernseh- und Radiosendungen. Seinem Blog (Infos: www.adihadean.ro) folgen täglich über 20.000 Menschen. In den ersten Jahren ging es ihm vor allem um die Bewahrung des kulinarischen Erbes seiner Heimat, weil er sah, wie die moderne Agrarwirtschaft, die mit Rumäniens EU-Beitritt ins Land geschwappt ist, zwar für mehr Effizienz sorgte, aber auch viel zerstörte.

Sein erstes Restaurant MEATic eröffnete der berühmteste Koch Rumäniens erst vor zwei Jahren in der nördlichen Provinzstadt Oradea. Wie der Name schon vermuten lässt, dreht sich hier alles um Steaks. „Ich war nie jemand, dem es beim Kochen um Technik und kleinteiliges Komponieren geht. Für mich stehen immer die Produkte im Vordergrund, die ich möglichst unverfälscht auf den Teller bringen will“, erklärt Hădean. Letztes Jahr folgte ein weiteres MEATic in einer zentralen, aber wenig noblen Ecke von Bukarest. Auch hier verfolgt Hădean das Motto: Keep it simple! Der Fokus gilt ganz dem Produkt – neben Fleisch ist dies vor allem erntefrisches Gemüse. Gekocht wird ganz einfach über offenem Feuer. „Mir wird immer wieder vorgeworfen, dass wir zu teuer sind, weil es doch ein einfaches Lokal sei. Doch dass man nicht für die Einrichtung eines Lokals zahlt, sondern für die Produkte, die man bekommt, ist vielen Rumänen noch nicht klar. Natürlich will ich, dass unsere Gäste beim Essen Spaß haben, aber ich verfolge auch mit meinen Restaurants einen selbst auferlegten Bildungsauftrag. Wir Köche sind die Botschafter unsere Landwirtschaft“, erklärt Hădean.

Storytelling großgeschrieben

Als Radu Ionescu vor zwei Jahren aus London zurück nach Bukarest kam, hatte er viele Träume, aber keine konkrete Vorstellungen, wie er zu einem eigenen Lokal kommen sollte. „Glücklicherweise habe ich Adi Hădean kennengelernt, der mich in seine Show eingeladen hat und mir als Mentor gedient hat. So konnte ich wertvolle Kontakte knüpfen und vergangenes Jahr den Traum meines eigenen Lokals verwirklichen“, erklärt mir Ionescu bei meinem Besuch. Mit 15 Punkten und drei Hauben ist das Kaiamo auf Anhieb als eines der drei besten Restaurants des Landes ausgezeichnet worden. Das Restaurant befindet sich zwar in einem modernen und wenig reizvollen Bürogebäude in der Nähe des rumänischen TV-Senders RTV – im Inneren überzeugt das Lokal jedoch mit einer coolen Mischung aus viel Holz und Stahl.

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Mit 15 Punkten und drei Hauben ist das Kaiamo von Radu Ionescu auf Anhieb als eines der drei besten Restaurants des Landes ausgezeichnet worden.
Foto: Restaurant Kaimano

Und die Menüs, die Ionescu mit seinem Team in der offenen Showküche zubereitet, sind absolut bemerkenswert. Jedes Gericht hat eine dahinterliegende Geschichte, nie geht es nur um den vordergründigen Eindruck, den die teilweise spektakulär angerichteten Teller erwecken. Witzig ist auch sein Fish-&-Chips-Gericht, das an seine Zeit in London erinnert. Der verwendete Seebarsch kommt natürlich aus dem Schwarzen Meer, die Kartoffeln vom Biobauern. Beeindruckend ist übrigens auch die Weinkarte mit über hundert ausgesuchten rumänischen Weinen. Zwar konnte Ionescu einen guten Mietvertrag aushandeln, doch im Gegensatz zu anderen Branchen tut sich die Gastronomie sehr schwer, für ein neues Lokal Geld von Banken zu bekommen. „Wir haben die schon vorhandenen Küchengeräte tagelang mit der Zahnbürste geputzt, um sie wieder in einen professionellen Zustand zu bringen“, erklärt Ionescu.

Lässiges Ambiente, tolle Küche

Der Schritt in die Selbstständigkeit war auch für Alex Petricean steinig. Er hatte mehrere Jahre lang in Mexiko (u. a. Quintonil) und Dänemark (Noma, Geranium) gearbeitet, bevor er vor drei Jahren nach Rumänien zurückkehrte. Als angestellter Küchenchef wurde er vergangenes Jahr mit dem schicken Maize auf Anhieb mit drei Hauben ausgezeichnet. Doch eigentlich wollte er sein eigenes Lokal haben – weniger schick und auch für ein junges Publikum zugänglich. Also verließ Petricean das Maize und eröffnete vor wenigen Monaten den „Restoclub“ Noah, wo er seine produktfokussierte Küche in einem lässigen Rahmen präsentieren kann. Nach zehn Uhr abends verwandelt sich das Lokal dann langsam in einen angesagten Treffpunkt, wo man sich auf ein Glas Wein trifft. Der extrem gut vernetzte Petricean war übrigens vor kurzem als Gastkoch bei Ana Roš zu Besuch.

Exrem lässig ist auch das Bistrot Voilà, wo Radu Dumitrescu als One-Man-Show eine sehr persönliche Küche bietet. Die Auswahl ist klein und richtet sich nach dem Marktangebot, und wer Lust hat, einen angesagten rumänischen Natural Wine zu trinken, ist hier ebenfalls richtig. Man fühlt sich irgendwie ins Berlin nach der Wende versetzt – nur regiert statt deutscher Schnoddrigkeit rumänische Lebensfreude.

Dass man eine traditionelle rumänische Küche auch in einem lässigen Ambiente anbieten kann, zeigt auch Petru Sorin mit seinem bunten Mahala. Die Touristen sitzen in den belanglosen benachbarten Lokalen, doch auch das Mahala ist gut besucht – von jungen Einheimischen. Neben dieser neuen Generation an zeitgemäßen Restaurants sprießen auch zahlreiche extrem coole Cafés aus jeder zweiten Ecke der Stadt. Und auch angesagte Weinbars, wo man sich ausschließlich auf spannende Weine aus Rumänien beschränkt, gibt es mittlerweile. Besonders gut hat uns das Pâine si Vin im Zentrum gefallen, wo auch Brot gebacken wird und es wirklich gute Käse von Kleinproduzenten gibt.

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Besonders gut hat uns das Pâine si Vin im Zentrum gefallen, wo auch Brot gebacken wird und es wirklich gute Käse von Kleinproduzenten gibt.
Foto: Weinbar Pâine si Vin

In einer europäischen Hauptstadt gibt es natürlich auch internationale Angebote wie Sushi und Steaks, auch italienische Restaurants und französisch inspirierte Bistros sind angesagt. Das gehört zu einer Millionenstadt einfach dazu. Doch endlich gibt es in Bukarest auch eine moderne Lokalszene, in der junge Küchenchefs eine zeitgemäße rumänische Küche zeigen. Was dabei besonders erfreulich ist: Diese Lokale sind fast immer gut besucht. Es sind vor allem junge Einheimische, die für sich entdeckt haben, dass auch ihre Heimat kulinarisch einiges zu bieten hat. Darauf stößt man am besten mit einem Glas rumänischen Weins an, der – weiß wie rot – für positive Überraschungen gut ist. Noroc!

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Die rumänischen Weine werden immer besser, egal ob weiß, rot oder sprudelnd.

Restaurant MEATic
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»Das Fleisch ist der Star, der Koch ist sein Diener«

– ADI HADEAN –

Restaurant Kaiamo

Das Restaurant befindet sich zwar in einem modernen und wenig reizvollen Bürogebäude in der Nähe des rumänischen TV-Senders RTV – im Inneren überzeugt das Lokal jedoch mit einer coolen Mischung aus viel Holz und Stahl.

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Als Radu Ionescu vor zwei Jahren aus London zurück nach Bukarest kam, hatte er viele Träume, aber keine konkrete Vorstellungen, wie er zu einem eigenen Lokal kommen sollte.

„Glücklicherweise habe ich Adi Hădean kennengelernt, der mich in seine Show eingeladen hat und mir als Mentor gedient hat."
Restoclub Noah
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Lässig in die Selbstständigkeit: Alex Petricean in seinem coolen Restoclub Noah.

Bistrot Voila
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Fast wie privat: Radu Dumitrescu im Bistrot Voila.

Restaurant Mahala

Dass man eine traditionelle rumänische Küche auch in einem lässigen Ambiente anbieten kann, zeigt auch Petru Sorin mit seinem bunten Mahala.

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