ALS DIE BILDER SURFEN LERNTEN

Das Wort Fernsehen wird uns wohl noch einige Zeit erhalten bleiben, umschreibt es doch treffend, dass man dabei Dinge sehen kann, die sich ganz woanders abspielen. Doch was die Begriffe Rundfunk oder Sendeplätze bedeuten, wird bald wohl niemand mehr wissen. Der rasante Wandel, wie wir bewegte Bilder betrachten, hat große Auswirkungen auf viele gesellschaftliche Bereiche. Heute schaut man, was man will, wo man will und wann man will. Manche bezahlen gerne dafür, andere nicht.
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Der rasante Wandel, wie wir bewegte Bilder betrachten, hat große Auswirkungen auf viele gesellschaftliche Bereiche.
Foto: Michael Otto

Ungekünstelte Abbildungen der Wirklichkeit haben die Menschen seit der Erfindung der Fotografie fasziniert. Doch das ist noch gar nicht so lange her. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Fotografie zu einer weitverbreiteten Technik. Ab 1900 gelang es Schritt für Schritt, daraus bewegte Bilder zu machen. Dann kam der Ton dazu und nach dem Zweiten Weltkrieg die Farbe ins Spiel. Bis in die späten 1950er-Jahre haben die meisten Österreicher bewegte Bilder nur aus dem Kino gekannt. Dann verlagerte sich das Geschehen langsam ins eigene Wohnzimmer vor den Fernseher, doch auch das ist heute schon vielfach Geschichte. Dank Smartphones und Tablets sind die Betrachter von bewegten Bildern selbst mobil geworden.

Die Macht der Bilder

Um eine zumindest scheinbar realistische Darstellung wichtiger Momente haben sich Maler jahrtausendelang bemüht, doch dem Betrachter war stets klar, dass es eine künstlerische Interpretation einer bestimmten Situation war. Das Foto hat zum ersten Mal tatsächlich die „Wirklichkeit“ abgebildet. Der Film hat diese Bilder dann zum Leben erweckt. Es muss Menschen anfangs wie ein magischer Zauber erschienen sein, die ersten Filme zu sehen. Nazi- Deutschland hat eindrucksvoll vorgezeigt, wie man bewegte Bilder geschickt für Propagandazwecke einsetzen kann. Leni Riefenstahls Monumentalfilme („Triumph des Willens“) und Dokumentationen („Olympia“) wurden in Auftrag gegeben, um die Legitimität des Regimes zu unterstützen. Vor den Filmen wurde mit der Wochenschau Propaganda in einem aktuellen Format gezeigt. Dies war der Vorläufer zu den späteren Nachrichtensendungen im Fernsehen. Doch wer glaubt, dass die Kontrolle der bewegten Bilder nur von autoritären Regimen streng gehütet wird, täuscht sich.

Auch in den neuen Demokratien, die in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, wurden von Anfang an staatliche TV-Monopole errichtet. Nicht nur in Österreich war der sogenannte öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Spielball von Parteiinteressen, sondern auch in großen Ländern wie Deutschland, England und Italien. Wenig rühmlich hat Österreich als letztes Land Europas 2001 die terrestrische Ausstrahlung von privaten TV-Sendern erlaubt. Das tatsächliche Fernsehmonopol war jedoch bereits in den frühen 1990er-Jahren gefallen, als zuerst Satellitenfernsehen und dann das Kabelfernsehen in Österreich Einzug hielten. Aufgrund der Kleinheit des Landes hat auch danach kein privater heimischer Sender dem ORF ernsthaft die Stirn bieten können. Es waren vor allem deutsche Privatsender (teilweise mit „Österreich-Fenstern“), die ständig Marktanteile wegknabberten.

USA: Oligopol statt Monopol

Und selbst in den USA, wo es nie eine staatliche Fernsehanstalt gab, sondern die drei privaten Networks ABC, CBC und NBC ein Oligopol bildeten, war die Freiheit, welche Inhalte gezeigt werden dürfen, stark eingeschränkt. Erst mit der zunehmenden Verkabelung (und in geringerem Ausmaß als in Europa mit Satelliten-TV) kam es zur Entwicklung von weiteren privaten Sendern, die auch ohne terrestrische Antennen landesweit empfangen werden konnten. Im Gegensatz zu Europa gab es in den USA zu keiner Zeit Fernsehgebühren. Fernsehen war in den USA bis zum Aufkommen der ersten Pay-TV-Sender ausschließlich werbefinanziert. Doch so frei, wie es auf den ersten Blick erscheint, war das Fernsehen auch in den USA nicht. Die Zensur umfasst unter dem Vorwand des Jugendschutzes nicht nur sexuell bedenkliche Szenen (zu denen schon echte Küsse zählen) oder Gewaltdarstellungen (relativ weit gefasst), sondern auch die meisten Schimpfwörter, die mit einem nervigen Beep übertönt werden müssen. Dafür wurde es den drei großen Networks in den 1960er- und 1970er-Jahren erlaubt, US-Truppen bei ihrem Einsatz in Vietnam zu begleiten. Deren grausame Kriegsbilder, die Abend für Abend in US-Haushalten zu sehen waren, haben entscheidend dazu beigetragen, dass die öffentliche Unterstützung für den Krieg sank. Dieser Fehler wurde nicht wiederholt. Spätestens seit dem ersten Irak-Krieg ist die US-Regierung darauf bedacht, streng zu kontrollieren, welche Bilder von den eigenen Kriegsschauplätzen veröffentlicht werden.

Wie live ist live

Weil bei Live-Übertragungen nicht immer gewährleistet werden kann, unliebsame Ereignisse auszublenden, hat die US-Regierung 2004 nach dem „Nipple-Gate“ (Justin Timberlake hatte der Sängerin Janet Jackson bei der gemeinsamen Halbzeitshow der Superbowl versehentlich (?) ihren Busen entblößt) beschlossen, dass Live-Übertragungen mit einer Pufferung von fünf Sekunden zeitverzögert gesendet werden müssen. Auch bei Live-Übertragungen von spektakulären Polizei-Einsätzen, was in den USA relativ häufig gemacht wird, kann durch die vorgeschriebene Verzögerung gewährleistet werden, dass eventuelle Fehlverhalten von Beamten zensuriert werden. In Österreich werden ebenfalls gewisse Übertragungen, wie etwa jene vom Neujahrskonzert, mit rund 30 Sekunden Zeitverzögerung gesendet, um Flitzern oder politischen Aktivisten keine weltweite Bühne zu geben. Wenn jemand beim Neujahrskonzert ein Transparent mit einer politischen Botschaft enthüllen würde, bekämen das nur die anwesenden Zuschauer, nicht aber die zig Millionen TV-Zuseher rund um die Welt zu sehen. Es gibt aber auch stets eine unvermeidliche Verzögerung. Je nach eingesetzter Technik (Kabel, Antenne, Internet) dauert die Datenübertragung unterschiedlich lang. So kann es vorkommen, dass man die Nachbarn schon über ein Tor jubeln hört, dass man selbst erst ein paar Sekunden später sieht.

Wann ich will ...

Vor allem ältere Menschen konsumieren bewegte Bilder nach wie vor auf ihrem TV-Apparat und nennen diese Beschäftigung Fernsehen. Man hat sich daran gewohnt, dass um 19.30 Uhr die Nachrichten kommen und danach am Montag die Millionenshow, am Freitag der Krimi und am Samstag eine große Unterhaltungsshow. Die identitätsstiftende Bedeutung der „Zeit im Bild“ wurde übrigens als so wichtig erachtet, dass diese Nachrichtensendung bis in die 1990er-Jahre auf beiden Kanälen parallel gesendet wurde – Umschalten zwecklos. Das Prinzip, dass man sich an die Sendezeiten halten muss, wenn man etwas Bestimmtes sehen will, wurde ab den frühen 1980er-Jahren mit der Erfindung des Videorecorders durchbrochen. Mit dem Videorecorder konnte man erstmals Inhalte speichern und zu einem späteren Zeitpunkt (noch einmal) ansehen. In den folgenden Jahren eröffneten in Österreich tausende Videotheken, wodurch der Fernseher zum individuell bespielbaren „Patschenkino“ wurde. Nach rund 25 Jahren sind die Videotheken wieder verschwunden, als die Internet-Übertragungsraten so schnell geworden waren, dass man Videos auch in hoher Qualität jederzeit streamen konnte. Wer heute noch klassisch fernsieht, speichert das gewünschte Material auf der Festplatte des digitalen Empfängers.

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Foto: Michael Otto

Die flächendeckende Versorgung Österreichs mit Breitband-Internet hat den ORF – so wie alle anderen klassischen Fernsehanstalten mit ihrer Struktur von fixen Sendeterminen – dauerhaft unter Druck gebracht. Im Fachjargon sagt man dazu „lineares Fernsehen“. Um weiterhin relevant zu bleiben und der zunehmenden Überalterung der Seher zu begegnen, wurde 2013 auf orf.at eine TVthek eingerichtet, die es jedem Nutzer mit Internetzugang ermöglicht, vom ORF selbst (ko-) produzierte Inhalte (also vor allem Nachrichten, Diskussionen, aber auch Dokumentation und Unterhaltungssendungen) rund um die Uhr zu streamen. So praktisch das ist, die TVthek untergräbt damit das bestehende Finanzierungsmodell, denn dieses Angebot ist kostenlos und frei von langen Werbeblöcken. Wie von Youtube gewohnt, muss man lediglich ein kurzes Werbevideo vor dem Start der Sendung über sich ergehen lassen.

... und wo ich will

Aber auch die Flexibilität der Wiedergabe hat das, was wir heute unter Fernsehen verstehen, nachhaltig verändert. Viele Haushalte mit jungen Bewohnern haben schon längst keinen (gebührenpflichtigen) Fernseher mehr im Wohnzimmer stehen. Man schaut auf Monitoren, Laptops, iPads oder Mobiltelefonen Inhalte, die aus dem Internet gestreamt werden. Diese geänderten Sehgewohnheiten haben auch zu anderen Formaten geführt. Kaum jemand hat Lust, sich einen Spielfilm in voller Länge am Smartphone reinzuziehen. Selbst eine halbstündige Nachrichtensendung ist dafür zu lange. Prinzipiell gilt: Gefragt sind kürzere Videos und schnelle Schnitte.

Doch nicht alles ist im Netz gratis. Für gewisse Inhalte muss man auch im Internet bezahlen. Amazon Prime, der Sportkanal DAZN, Marktführer Netflix sowie der Bezahlsender Sky bieten ihre Inhalte nur gegen die Bezahlung einer monatlichen Gebühr an. Doch weil das Angebot an kostenlosen Inhalten schier unerschöpflich ist, müssen diese Anbieter attraktive Alternativen bieten. DAZN setzt auf Sportübertragungen, Netflix auf selbstproduzierte Serien (von „Chef’s Table“ bis „House of Cards“) und Sky auf eine Kombination aus beidem. Wie rasant sich das „Fernseh“-Geschäft in den letzten Jahren gewandelt hat, illustriert die Firmengeschichte von Netflix eindrucksvoll. Netflix wurde 1997 mit einem Startkapital von 2,5 Millionen Dollar als Online-Videothek gegründet. Anfangs standen nicht einmal 1.000 Filme zu Verfügung, die auf DVDs verschickt wurden und nach Betrachten per Post wieder retourniert wurden. 2007 wurde das System auf Video-on-Demand umgestellt. Kurz darauf begann man, auch eigene Inhalte zu produzieren. Seit 2014 ist Netflix in Österreich verfügbar und hat weltweit über 150 Millionen Abonnenten. Mit derart vielen zahlenden Kunden kann man auch Nischenthemen („Chef’s Table“) professionell produzieren, denn selbst wenn das nur für ein Prozent der Kunden interessant ist, sind das immer noch eineinhalb Millionen. Der Aufwand für die Produktion von Serien wie „Narcos“ erinnert an Hollywood-Streifen und nicht an billige Soap-Operas. Kleine und mittelgroße TV-Anstalten geraten in eine Zwickmühle zwischen global agierenden Unternehmen, die über gewaltige Budgets verfügen und ihre Inhalte auch weltweit vermarkten können, und kleinen, lokalen Produzenten, die billig für einen regionalen Markt produzieren. Nachdem der ORF sein Vertriebsmonopol verloren hat, droht er jetzt auch mit seinem zweiten Standbein, nämlich der Produktion von bewegten Bildern, ins Wanken zu geraten.

Wenn du nicht bezahlst, ...

... bist du das Produkt. Dieses geflügelte Wort hat in der Medienwelt durchaus seine Berechtigung – und stimmt doch nur zum Teil. Der Haken ist, dass der Umkehrschluss nicht gilt. Die meisten öffentlich-rechtlichen Sender verlangen von ihren Sehern zwar Gebühren, belästigen sie jedoch trotzdem mit Werbung. Bis in die frühen 1990er-Jahre hatte der ORF als Monopolist eine extrem starke Position, um hohe Werbepreise durchzusetzen – heute liegt der Marktanteil unter 30 Prozent. Und auch manche Pay-TV-Anbieter verdienen sich mit Werbung bei Premium-Inhalten wie etwa Champions-League-Übertragungen noch etwas dazu. Und dann gibt es noch dasweite Feld der Produktplatzierungen, die mehr oder weniger subtil erfolgen können. Problematisch ist, dass die Trennung zwischen Inhalt und Werbung verschwimmt. Allerdings werden Produktplatzierungen von den meisten Sehern als nicht so störend empfunden wie unterbrechende Werbespots. Es sollte nicht verwundern, dass private Sender kommerzielle Unternehmen sind. Und auch der vielzitierte Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten wurde nur mit einem Teil der Gebühren erfüllt. Die Übertragung von Formel-1-Rennen und Fußball-Weltmeisterschaften gehört jedenfalls genauso wenig dazu wie der Kauf von US-Serien. Die aktuelle politische Diskussion über das Gebührenmodell des ORF hat daher ganz konkrete Hintergründe und lässt sich nicht (nur) mit den unterschiedlichen Weltanschauungen der Partien erklären.

Straßenfeger damals und heute

Bevor in jedem heimischen Haushalt ein Fernseher stand, war es üblich, sich wichtige Sendungen gemeinsam beim Wirt um die Ecke anzusehen. Sportliche Großereignisse – man denke an den Olympiasieg von Franz Klammer 1976 in Innsbruck oder die Fußball-WM 1978 in Argentinien – wollte man sich nicht entgehen lassen. Und das hat gemeinsam mit Gleichgesinnten einfach mehr Spaß gemacht als allein zu Hause. Das war schon vor den Zeiten von durchorganisierten Fan-Meilen und Public Viewings so. Allerdings braucht ein Veranstalter für die öffentliche Aufführung von TV-Übertragungen auch die entsprechenden Rechte, wie sie der Pay-TV-Sender Sky der heimischen Gastronomie mit unterschiedlichen Sportsbar-Paketen einräumt. So bringt man auch am Dienstag und Mittwoch (Champions League) sowie am Donnerstag (Europa League) zusätzliche Gäste ins Lokal. Das funktioniert nicht nur in typischen Irish Pubs, wo das gemeinsame Fußballschauen am Tresen eine lange Tradition hat, sondern in praktisch allen Lokalen, wo sich Menschen zum Biertrinken treffen. „Wir haben in den letzten Jahren einen großen Aufwand betrieben, um das Fernseherlebnis weiter zu steigern. Mit Ultra-HD bieten wir gestochen scharfe Bilder, die auch in der Zeitlupe nichts von ihrer Brillanz verlieren. Dieses Fernseherlebnis wirkt auf großen Schirmen besonders beeindruckend“, erklärt Oliver Lewis, der bei Sky als Senior Vice President für den Geschäftskundenbereich verantwortlich ist.

Das Medium Fernsehen ändert sich nicht nur, was die Anbieter und Formate betrifft, sondern auch technisch. Zwar sind die Schritte von analog zu digital zu HD und Ultra-HD bis hin zu 4K nicht so spektakulär, wie damals der Wechsel vom Schwarz-Weiß- zum Farbfernsehen war – beeindruckend sind sie trotzdem. Sich on-the-go mit kurzen Clips am Smartphone zu informieren wird die Faszination, die ein guter Film oder ein großes Spiel auf einem großen Monitor hat, nicht ersetzen. Nur ob der in Zukunft immer noch Fernseher heißen wird, ist fraglich.

Sendezentrum Sky Sport HQ
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»Wir haben in den letzten Jahren einen großen Aufwand betrieben, um das Fernseherlebnis weiter zu steigern«

– OLIVER LEWIS / SENIOR VICE PRESIDENT, SKY –

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KATZENVIDEOS, TERRORANSCHLÄGE, WERBUNG
Bei seiner Gründung im Jahr 2005 wurde Youtube noch als Friedhof für Katzenvideos verspottet. Doch bereits ein Jahr später haben die drei Gründer ihre Plattform für mehr als eine Milliarde Dollar an Google verkauft. Der Suchmaschinen-Gigant hat frühzeitig erkannt, welchen Nutzen eine Plattform bietet, auf der jeder User unkompliziert Videos veröffentlichen kann.

Die Idee, dass jeder Mensch ein Video online stellen kann und somit die ganze Welt potenziell als Bühne hat, ist nach wie vor faszinierend. Doch nicht alles, was hochgeladen wird, ist harmlos. Der Christchurch-Attentäter hatte seine Tat zwar nicht auf Youtube, sondern auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht, doch tausende Menschen haben es heruntergeladen, bevor Facebook es sperren konnte. Minuten später wurde es dann erstmals auf Youtube gestellt. Es folgte ein Katz-und-Maus-Spiel, weil Youtube jedes neuerlich hochgeladene Video des Terroranschlags einzeln löschen musste und tagelang immer wieder neue Versionen zumindest kurzzeitig verfügbar waren.

»Die meisten Probleme gibt es für Youtube mit Copyright-Verletzungen«
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Schon ein paar Jahre zuvor war es zu einer „Adpocalypse“ gekommen, als bekannt wurde, dass bei zu spät gelöschten IS-Videos den Terroristen Werbegelder zugekommen sind, worauf einige Konzerne die Zusammenarbeit mit Youtube kündigten. Youtube hat Richtlinien, die gewisse Inhalte verbieten: Pornografie, Aufforderung zu Gewalt und Hasspostings werden sofort gelöscht, aber prinzipiell will Susan Wojcicki, CEO von Youtube das Prinzip der Meinungsfreiheit so weit als möglich aufrechterhalten. Die Macht, die Youtube einzelnen Protagonisten verleihen kann, musste auch die CDU in ihrem letzten Wahlkampf zum EU-Parlamentschmerzhaft erfahren, als der Youtuber Rezo ein millionenfach geklicktes Video veröffentlichte, das Wellen schlug.

Die meisten Probleme gibt es für Youtube jedoch mit ganz normalen Copyright-Verletzungen. In verschiedenen Ländern musste sich Youtube vor Gericht verantworten, doch praktisch alle Urteile fielen zugunsten der Plattform aus – für die etwaige Rechteverletzungen ist die Person verantwortlich, die das Video hochgeladen hat, auch wenn diese nur schwer oder gar nicht zu identifizieren ist. Youtube ist lediglich dafür verantwortlich, derartige Videos nach Anzeige unverzüglich zu löschen. Würde sich dieses Prinzip ändern, wäre die Attraktivität von Youtube wohl schlagartig vermindert. Videos vorab auf problematische Inhalte zu checken erscheint unmöglich. Jede Minute werden 500 Stunden von neuen Videos hochgeladen. Das meiste davon ist belanglos, manches aber auch wirklich interessant. So ist Youtube zum weltweit wichtigsten Bildungskanal geworden, auf dem tausende Vorträge der berühmtesten Intellektuellen der Welt kostenlos zu sehen sind.

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Professionelle heimische Produzenten wie der ORF oder Fellner-TV nutzen Youtube, um länger zurückliegende Inhalte für User verfügbar zu halten. Youtube ermöglicht es aber auch sehr kleinen Produzenten, ein potenzielles Millionenpublikum zu erreichen. Kanäle wie „Der rote Stuhl“, wo Bernhard Egger Interviews mit Musikern und Kabarettisten führt, wären ohne Youtube wohl kaum überlebensfähig. Für Premium-Anbieter wie Sky, die sich für viel Geld exklusive Übertragungsrechte an Sportveranstaltungen sichern, ist das Hochladen der wichtigsten Szenen von privaten Fans ein Ärgernis gewesen, das sich kaum verhindern ließ. Also hat man sich dazu entschlossen, kurz nach dem Spiel selbst die besten Szenen eines Spiels hochzuladen und dadurch privaten, aber illegalen Uploads den Wind aus den Segeln zu nehmen. So kann man wenigstens Werbung für das eigene Angebot machen.

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