ROTE MISCHUNG

Rot- und Weißwein zu mischen ist für viele Weinfreunde ein Sakrileg. In den meisten Weinbauregionen sind solche Mischungen für die Herstellung von Qualitätsweinen auch gesetzlich verboten. Es gibt allerdings Ausnahmen. Und es werden immer mehr.
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2/3 weiß, 1/3 rot: Der „Into my Arms“ von Armin Kienesberger ist mehrheitlich ein Weißwein, der dennoch wie ein Roter schmeckt.
Foto: beigestellt

Erlaubt ist, was gefällt. Das gilt im Besonderen in der Naturweinszene, wo individuelle Konzepte populärer sind. Verzichtet ein heimischer Winzer darauf, Flaschen als „Qualitätswein“ zu füllen und begnügt sich mit der schlichten Bezeichnung Landwein, ist fast alles möglich, solange es sich dabei um eine Flüssigkeit aus vergorenen Trauben handelt. Es darf also ohne Einschränkungen mit Maischestandzeiten und Verschnitten verschiedener Rebsorten experimentiert werden.

Es gärt unter der Oberfläche

Seit drei Jahren keltert Georg Schmelzer aus Gols mit seinem „Bicolor" eine Cuvée aus weißen und roten Rebsorten. Mehr darf auf dem Etikett nicht angeführt werden. Auch der Jahrgang muss verschwiegen werden. So will es das heimische Weingesetz.

„Ich wollte neben unserem klassischen Zweigelt auch einen leichten, lebendigen und anregenden Rotwein machen, doch das ist bei unserem Klima nur selten möglich. Auf Naturweinmessen habe ich beflügelnde Rotweine gekostet, die zum Teil mit weißen Trauben gekeltert wurden. Da habe ich mir gedacht: Das probierst du auch einmal“, erklärt Georg Schmelzer.

Koloriert geht es auch ein paar Kilometer weiter nördlich zur Sache. H.P. Harrer keltert in Neusiedl spannende Naturweine. Seit ein paar Jahren macht er ebenfalls eine „wilde Mischung“ aus weißen und roten Trauben. Den „United Colors“ gibt es in einer prickelnden und einer stillen Variante.

Beim Weingut Lichtenberger Gonzales aus Breitenbrunn heißt die Mischung aus Blaufränkisch, Zweigelt und Grünem Veltliner schlicht und einfach „Rot und Weiß“. Die Idee, so einen Wein zu keltern, lag auf der Hand: sie haben diese Mischung in einem alten Weingarten entdeckt.

Ebenfalls ein „gemischter Satz“ aus einem Weingarten ist der Rakete von Jutta Ambrositsch aus Wien. Der Mix besteht aus Sankt Laurent, Zweigelt, Blauburgunder, Merlot und Grünem Veltliner. Die Wiener Rakete verkauft sich blendend, auch wenn sie die DAC Herkunftsbezeichnung Wiener Gemischter Satz nicht verwenden darf – den gibt es nur für Weißweine. Auch im Kamptal wird munter in rosaroten Tönen gemischt.

Der Rosé Rosa Marie von Martin und Anna Arndorfer ist ein Rosé, bei der noch unvergorene und nur leicht gefärbte Saft vom Zweigelt mit Maische vom Grünen Veltliner vergoren wird. „Wir wollten einen knackigen Rosé mit Biss und Würze machen, der nicht dem landläufigen Bild eines fruchtigen Sommerweins entspricht“, erklärt Martin Arndorfer.

Nur ein paar Kilometer weiter machen Alwin und Stefanie Jurtschitsch ebenfalls ein Rosé aus gemischten Trauben. Der Hetschepetsch hat seinen Namen
von der umgangssprachlichen Bezeichnung für Hagebutte, die im Bukett deutlich erkennbar ist. Zweigelt, Pinot Noir und Grüner Veltliner werden gemeinsam vergoren, wodurch eine längere Maischestandzeit möglich wird.

Und dann gibt es noch den oberösterreichische Winzerpionier Armin Kienesberger vom jungen Weingut Casa Amore hat mit dem „Into my Arms“ eine rot-weiße Mischung aus 2/3 Grüner Veltliner und 1/3 Pinot Noir im Sortiment. Die Idee zu dieser reizvollen Cuvée ist ihm beim geselligen Verkosten im Keller gekommen. „Es war noch ein bisschen Pinot im Glas und bevor ich Stopp sagen konnte, hat ein Freund schon Grünen Veltliner nachgeschenkt. Es hat großartig geschmeckt. Ein paar Tage später haben wir in Ruhe nach verkostet, um das optimale Mischungsverhältnis zu finden“, berichtet Kienesberger.

Vino tinto con un Toque blanco

Die Inspiration zu diesem Artikel entstand nicht in Österreich, sondern in Spanien. Gleich in mehreren Sternerestaurants wurden mir bei der Weinbegleitung Rotweine serviert, die jeweils einen kleinen Teil Weißwein enthielten. Besonders bemerkenswert war der Al Fons 2019 vom katalanischen Kultwinzer Oriol Artigas, der 15 Kilometer nördlich von Barcelona aus den Rebsorten Sumoll, Pansa Negre, Muscat Negre, Beier und Garnatxa Gris gekeltert wird.

Dieser Wein entstand übrigens nicht im kreativen Kopf eines Naturweinmachers. Er stellt die Fortführung einer uralten Tradition dar. Es handelt sich nämlich um einen gemischten Satz aus dem Weingarten Les Licorelles, der 1921 ausgepflanzt wurde. Große Mengen gibt es nicht. Neben den 436 normalen Flaschen gibt es noch 18 Magnums. Gerade als Speisebegleiter zu Fisch zeigt sich ein junger, wilder und Rotfruchtbetonter „Mischwein“ oft besser geeignet als jene großen, gut gereiften Tintos, für die Spanien weithin bekannt ist. Im Zwei-Sterne-Restaurant Hermanos Torres wurde der Al Fons zur Muschel-Moqueca mit Meeresfrüchten gereicht – eine grandiose Kombination.

Deutlich „roter“ schmeckte ein paar Tage vorher der Alas de Frontonio aus Valladolid. Die Cuvée aus Grenache und Macabeo stammt aus demselben 80 Jahre alten Weingarten und ist somit ein lupenreiner gemischter Satz. Auch dieser Wein ist ein wunderbares Beispiel, wie leichtfüßig und gleichzeitig tiefgründig junge spanische Rotweine schmecken können. Auch hier handelt es sich also um die Fortführung einer uralten Tradition.

Das dritte rot-weiße Highlight made in Spain war der 2017er Tinto Parcela Tierre de Luna von 4 Manos aus der DO Madrid, der uns im wunderbaren Restaurant Suculent in Barcelona zu Roten Rüben mit Aal serviert wurde. Die Mischung aus Garnatxa blanca und Garnatxa tinta ist eine bewusst gewählte Komposition der Quereinsteiger aus Madrid, die mit viel Frucht und Lebendigkeit überzeugt hat.

Chianti Classico: Verbot statt Verpflichtung

Die strikte Trennung zwischen weißen und roten Rebsorten ist ein relativ junges Phänomen und hat gleichermaßen mit Moden und wirtschaftliche Überlegungen zu tun. Als man das Chianti Classico 1967 zur DOC-Region erhob, schrieb man gleichzeitig die verpflichtende Verwendung von 15 % weißen Trauben vor.

In den 1980er-Jahren haben ambitionierte Produzenten damit begonnen, ihre besten Rotweine nicht mehr als Chianti Classicos, sondern als einfache IGT-Weine zu keltern, die rasch den Beinamen Supertuscans erhielten. Statt den regionstypischen Sangiovese mit Weißwein zu „strecken“, wurde er oft mit Merlot und Cabernet zu richtigen Powerweinen getunt.

Seit 1996 ist die Verwendung von weißen Rebsorten nicht mehr verpflichtend, seit 2006 sogar ausdrücklich verboten. So ist der regionaltypische Charakter im Laufe zumindest teilweise verloren gegangen. Wenn es mit dem Klimawandel derart rasant weitergeht, wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis die ersten Produzenten wieder mit der Beimischung von weißen Rebsorten beginnen, was für Chianti Classico-DOCG-Weine allerdings verboten ist. Aber als Supertuscans „light“ tut sich ja vielleicht ein neuer Markt auf.

Bunte Mischung im Rhônetal

Einige der teuersten Rotweine Frankreichs sind genau genommen gar keine. In der Côte Rotie darf man dem Syrah bis zu 20 Prozent Viognier beimischen, um die Weine lebendiger und reizvoller zu machen. Dieses Limit wird von Top-Produzenten zwar nicht ausgereizt, aber bis zu fünf Prozent Viognier findet man auch in exklusiven Lagenweinen, was auf den Etiketten zumeist verschwiegen wird.

Auch in der südlich gelegenen DOC Châteauneuf du Pape spielen weiße Rebsorten eine immer größere Rolle – und zwar nicht als weiß gekelterte Rarität, sondern als Teil der roten Cuvée. Das immer heißer werdende Klima hat aus den großen Rotweinen der Region in den letzten Jahren richtige Alkoholbomben werden lassen. 14 % Alkohol ist erwünscht, 15 % tolerierbar, aber bei 16 % und mehr kann man nicht mehr von trinkfreudigen Weinen sprechen. Die Beimischung von jung gelesenem Weißwein senkt den Alkoholgehalt ein wenig und bringt durch seine hohe Säure eine gewünschte Frische in die Weine.

Die neue Welt geht neue Wege

Dass die Beimischung von Viognier zu wuchtigen Syrahs gut funktioniert, hat man übrigens auch in Australien erkannt, wo reinsortige Shiraz-Weine in den letzten Jahren ebenfalls immer wuchtiger ausfallen. Sam Viniciullo geht mit seinem „Red / White“ einen Schritt weiter und hat mit 55 % Shiraz und 45 % Sauvignon Blanc einen Solisten geschaffen, der für viel Aufsehen gesorgt hat. Ob solche Weine massentauglich sind, wird sich weisen, aberfür kleine Produzenten, wie Viniciullo einer ist, können sich solche Experimente durchaus lohnen: sein „Red / White“ ist immer ausverkauft.

Selbst in Kalifornien, wo man ebenfalls rote Powerweine schätzt, hat die Beimischung von kleinen Mengen Weißwein eine gewisse Tradition. In den alten Syrah- und Petit-Verdot-Weingärten der Stags’ Leap Winery findet man bis zu fünf Prozent weiße Rebstöcke (Moscato, Gewürztraminer und Burger), deren Beeren gemeinsam gelesen und vergoren werden.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es auch sehr moderne Interpretationen von rot-weißen Mischungen. Scott Sampler vom Central Coast Group Project hat einen Wein namens „Blood Orange“ erfunden, der zu 75 % aus Viognier und 25 % aus Grenache, Mourvedre und Syrah besteht. Beim „Blush“ hat er seinen auf der Maische vergorenen Chardonnay mit einem Schuss Mourvedre gepimpt: Das bringt Geschmack, Textur und eine tolle Farbe! Das Gleiche gilt für Scotty Boy’s jüngstes Baby aus 65 % Grenache noir und 35 % Grenache blanc, das er „Guess Who’s Coming to Dinner“ getauft hat.

Antwort auf den Klimawandel?

Die Naturweinszene hat viel Bewegung in die Weinwelt gebracht und spielt auch beim Thema rot-weiße Mischungen eine Vorreiterrolle. Solange transparent kommuniziert wird, wie gearbeitet wird, kann von „Panschen“ keine Rede sein. Gerade für traditionelle Rotwein-Regionen, in denen es zunehmend zu warm wird, könnte die Beimischung von weißen Rebsorten ein attraktiver Weg sein, um auch in Zukunft lebendige und trinkfreudige Weine zu keltern. Dass dies auch auf traditionelle Art und Weise möglich ist, zeigen die Winzer im Rhonetal seit Generationen.

Das Vorurteil vieler traditioneller Weinfreunde, dass man so etwas nicht brauche, ist genau das: ein Vorurteil. Auch in der Champagne wird seit Jahrhunderten Rosé-Schaumwein als Cuvée zwischen weißen (Chardonnay) und roten Weinen (Pinot Noir) gekeltert. Wieso soll man das nicht auch bei stillen Weinen machen dürfen?

Welche Rebsorten in welchem Verhältnis gut zueinander passen, wird man erst im Laufe der Jahre herausfinden. Dass es prinzipiell gut funktioniert, zeigen einige Pioniere schon heute.

BICOLOR
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Georg Schmelzers Bicolor erfreut sich aus 2/3 Zweigelt und 1/3 Welschriesling größter Beliebtheit, allerdings vorwiegend im Ausland, wohin der biodynamische Winzer der Großteil seiner Weine verkauft.

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Trotz des hohen Weißweinanteils erscheint der „Into my Arms“ nicht wie ein Rosé, sondern wirkt wie ein eleganter Rotwein.

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Im Hermanos Torres in Barcelona gibt es rot-weiße Mischungen glasweise beim Weinpairing

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Auch in Australien und Kalifornien haben sich gemischte Cuvées als Trendsetter etabliert.

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