GRÜN IM GROSSSTADTDSCHUNGEL

Michaela Reitterer hat mit ihrem Boutiquehotel Stadthalle eine idyllische Grünoase geschaffen, die auch hinter den Kulissen ökologisch funktioniert – vom Keller bis zur Dachterrasse.
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Der grüne Innenhof bietet Platz für interessante Gespräche.
Foto: Michael Otto

Michaela Reitterer begrüßt in einem bodenlangen Kleid mit Palmenmuster, das perfekt mit den Kissen der Loungemöbel harmoniert. Im Innenhof des Boutiquehotels Stadthalle ist es an diesem Apriltag noch ein wenig frisch. „In einem Monat ist es hier grün, in zwei Monaten dunkelgrün und herrlich kühl im Hochsommer.“ Trotz dichten Terminkalenders wirkt sie entspannt und souverän. Wir nehmen an einem Tisch Platz, der vom Sozialprojekt „Garbarage“ aus einem ausrangierten Verkehrsschild gefertigt wurde – nur eines von vielen bemerkenswerten Details in diesem außergewöhnlichen Haus.

Sie werben damit, das erste Innenstadthotel mit Null-Energie-Bilanz der Welt zu sein. Wieso gibt es nicht tausende Hotels mit so einem Konzept?

Es ist nicht so einfach, so etwas tatsächlich umzusetzen. Als ich 2008 einen Kredit bei der Bank beantragte und mein Konzept eines grünen Hotels präsentierte, zeigte man mir die kalte Schulter. „Wegen des grünen Schmus kommt ja kein einziger Gast mehr. Das rechnet sich nie“, wurde mir beschieden. Bei einer anderen Bank hat es dann glücklicherweise geklappt. Damals war ich allein auf weiter Flur. Auch heute ist unser Konzept noch eine absolute Ausnahme. Erst gestern war eine Journalistin der New York Times da, weil in den USA jetzt das erste Zero- Energy-Hotel entstehen soll und das Boutiquehotel Stadthalle als Vorbild genannt wurde.

Wie ist es dazu gekommen?

Mein Vater war früher Concièrge in einem Hotel in der Nähe. Meine Mutter wurde 1984 Direktorin dieses Hotels, das damals noch Zur Stadthalle hieß. Dann ist es meinen Eltern gelungen, das kleine Hotel, das eher eine Pension war, zu erwerben. Ich selbst habe mein erstes Geld im Hotel Westbahn gleich um die Ecke verdient und mir zunächst einmal den Traum vom eigenen Reisebüro erfüllt, bevor ich 2001 das elterliche Hotel übernommen habe.

Wie sorgen Sie für volle Betten? Haben Sie spezielle Zielgruppen, die Sie ansprechen? Welche Herkunftsmärkte sind wichtig?

Die meisten Gäste kommen aus der DACH-Region, also Deutschland, Österreich, Schweiz. Auch Holland, Italien, Tschechien, Ungarn sind gut vertreten. Zu Beginn haben wir uns gefragt, ob es eher Familien oder Alleinreisende, Businessreisende oder Paare sind, die wir gezielt ansprechen wollen. Wir haben das dann wieder gelassen. Es sind alle, die unsere Werte teilen.

Was sind diese Werte genau? Eine begrünte Fassade macht ja noch kein grünes Hotel.

Nein, das geht viel weiter und zieht sich durch alle Bereiche. Fangen wir im Keller an. Dort sammeln wir das Regenwasser in einer Zisterne und verwenden es als Nutzwasser. Bereits vor dreizehn Jahren haben wir eine Solaranlage installiert, später auch eine Photovoltaikanlage.

Als wir 2009 die Nachbarimmobilie erwerben konnten, haben wir dort ein neues Passivhaus errichten lassen. So gelingt es uns, übers Jahr gesehen, klimaneutral zu wirtschaften. Als wir das Gründerzeithaus sanierten, haben wir den ganzen Bewuchs des Hauses abnehmen und anschließend wieder anbringen lassen, wofür ich ziemlich schräg angeschaut wurde. Das hat nicht nur optische Gründe gehabt, sondern hilft auch bei der Kühlung im Sommer.

Was machen Sie noch anders als andere?

Wir versuchen, so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Mehr als eine große Plastiktonne die Woche ist es nicht, was für ein Hotel mit 79 Zimmern extrem wenig ist. Auch gibt es bei uns keine Minibars und keine Wasserflaschen. In den Badezimmern hängen Ökoduschköpfe mit Wassersparfunktion, statt herkömmlicher Birnen leuchten LEDs. Auch bei den Möbeln gehen wir andere Wege und setzen auf Upcycling – also die Verwendung von bereits vorhandenen Gegenständen.

Sie bieten Gästen, die per Zug, Rad oder E-Auto kommen, einen Rabatt von zehn Prozent. Was machen Sie noch?

Früher haben wir auch selbst Räder verliehen, was auf Dauer aber doch recht mühsam war. Heute verweisen wir stattdessen auf die City-Bikes oder auf das Fahrradgeschäft Reanimated Bikes im siebten Bezirk. Sogar E-Scooter hatten wir einmal für unsere Gäste angeschafft. Das war vor zehn Jahren, als E-Scooter noch echte Hingucker waren. Wir haben damit wieder aufgehört, weil es heute ja genug private Anbieter gibt. Wer mit dem E-Auto kommt, kann es im Parkhaus am Westbahnhof aufladen. Eigentlich wollten wir schon längst Ladestationen direkt vor dem Hotel haben, aber so etwas umzusetzen ist ein behördlicher Spießrutenlauf.

Wollen Sie Ihre Gäste zu umweltfreundlichem Verhalten erziehen?

Erziehen ist wirklich das falsche Wort. Bei uns sollen sich Gäste in erster Linie wohlfühlen. Gleichzeitig wollen wir sie ermuntern, unser herrliches Wiener Leitungswasser zu trinken, indem wir Wasserkaraffen aufstellen. Wenn es um den Komfort für die Gäste geht, machen wir allerdings keine Kompromisse. Wir probieren immer wieder etwas Neues. Das meiste funktioniert, manches aber auch nicht.

Um etwas gegen lange Transportwege zu machen, haben wir eine Zeit lang probiert, auf importierte Früchte zu verzichten und stattdessen verschiedene heimische Apfelsorten zum Frühstück anzubieten. Davon sind wir rasch wieder abgekommen. Viele Gäste wünschen sich nun mal Bananen und frisch gepressten Orangensaft, also bekommen sie das auch, aber natürlich mit Fairtrade-Gütesiegel.

Fairtrade muss nicht Bio sein. Wie schaut es mit dem restlichen Frühstücksangebot aus?

Seit 2009 sind alle unserer Produkte biologisch und, soweit es geht, regional. Beim Kaffee setzen wir auf Tres Hombres – deren Rum ich übrigens auch wärmstens empfehlen kann –, die Bohnen werden per Segelschiff über den Atlantik transportiert. Den Honig liefern unsere eigenen Bienen, für die wir auf dem Dach des Passivhauses ein Lavendelfeld gepflanzt haben. Abgepackte Mini-Butter sucht man auf dem Frühstücksbuffet vergeblich, stattdessen stehen da große Käsestücke, von denen sich die Gäste selbst herunterschneiden. Wir schneiden auch kein Brot vor, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Die Marmelade kommt vom Lungauer Familienbetrieb Trausner. Ich habe ihm schon mal vorgeschlagen, die Produkte in größeren Behältnissen zu liefern, was nicht möglich war. Dann hatte ich die Idee, die leeren Gläser an unsere Facebook-Community zu verschenken, was ein Riesenerfolg war.

Ähnliches wünschen wir Ihrem neuesten Projekt, der Umgestaltung von 17 Zimmern nach den sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs). Worum geht es da genau?

Das sind jene 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, auf die sich die Vereinten Nationen geeinigt haben. Das Ende der Armut ist ebenso dabei wie jenes gegen Korruption. Jedes Zimmer ist einem bestimmten Ziel zugeordnet und entsprechend gestaltet: Das Friedenszimmer beispielsweise in Blau mit Taubenmotiv und Flaggenbettdecke, und im Zimmer für sauberes Wasser hängt eine Skulptur an der Wand, die mit aus dem Meer gefischten Flipflops hergestellt wurde.

Bei den aktuellen Energiepreisen ist das Thema Energiesparen für die meisten Beherbergungsbetriebe ein Riesenthema geworden. Was würden Sie Kollegen raten?

Bei bestehenden Betrieben gibt es nicht den großen Wurf, sondern viele kleine Schritte, die unterm Strich einiges bringen. In der Stadt ist das schwieriger als am Land, wo die Hotels in der Regel Platz haben und man mit Geothermie und Solarpaneelen viel erreichen kann. Man kann aber kurzfristig viel machen.

Mein Tipp ist, zuerst beim Essen anzusetzen. Das ist am einfachsten und zeigt schnelle Erfolge. Auch mit der Verwendung von ökologischen Reinigungsmitteln und der konsequenten Umsetzung einer Zero-Waste-Politik kann man viel für die Umwelt tun. Der Wille zur ökologischen Lebensweise muss aus dem Herzen kommen, nicht nur aus dem Hirn. Dann kann man auch die Mitarbeiter leichter motivieren.

wer&was
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Nach der Matura und Modul gründete Michaela Reitterer ein kleines Reisebüro, wo sie wertvolle Erfahrungen mit der Tourismuswirtschaft machte. 2001 übernahm sie das elterliche Hotel zur Stadthalle und entwickelte es Schritt für Schritt zu einem nachhaltigen Boutiquehotel. Oft war sie ihrer Zeit voraus, doch sie ließ sich nicht von ihrem Weg abbringen, wenn sie überzeugt war, das Richtige zu tun.

Von 2013 bis 2015 war Michaela Reitterer gemeinsam mit Gregor Hoch Co-Präsidentin der ÖHV, von 2016 bis 2021 war sie drei Perioden lang alleinige Präsidentin der ÖHV.

Reitterer ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Entspannung findet sie bei der Arbeit im eigenen Garten.

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"Den großen Wurf gibt es nicht. Der Weg besteht aus vielen kleinen Schritten."
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Upcycling

findet in jedem Raum statt

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Unzählige Details bringen die Gäste zum Staunen und tragen zum gelungenen Gesamteindruck bei

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www.hotelstadthalle.at

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