EINS, ZWEI, VIELE

Aus dem beliebten Pop-up-Club Horst ist eine richtige Gruppe geworden, die in Wien demnächst drei lässige Clubs und eine Bar betreiben wird. Im Gespräch mit Joachim Natschläger.
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Am Anfang war die Schallplatte – heute legt Joachim Natschläger nur mehr privat auf.
Foto: Michael Otto
Ihr dürfte ja bis Mitternacht Gäste bewirten. Dennoch wartet ihr in der Hannelore Bar noch, bis die Sperrstunde um Mitternacht aufgehoben wird. Wieso eigentlich?

Würde ich meinem Herz folgen, hätten wir schon längst wieder geöffnet, aber ich habe im Laufe meines Unternehmerlebens im Nachtgeschäft gelernt, mich nicht nur von Emotionen leiten zu lassen, sondern auch auf das Hirn zu hören. Wenn wir pünktlich um Mitternacht schließen müssen, würden wir operativ jeden Tag ein Minus machen, und das geht einfach nicht. Wir warten also lieber noch ein bisschen zu und starten dann richtig durch.

Aber macht eine gute Bar den Großteil des Geschäfts nicht vor Mitternacht?

Wir brennen wirklich darauf, wieder aufzusperren. Wir haben das Restaurant Blue Mustard nach dem ersten Lockdown übernommen und daraus die Hannelore Bar gemacht. Für eine reine Cocktailbar ist das Lokal aber viel zu groß und das vorherige Konzept einer Restaurant-Bar erschien uns nicht erfolgversprechend. Bei uns treffen sich zumeist kleinere Gruppen, um gemeinsam etwas zu trinken. Der Großteil der Gäste konsumiert an den Tischen und nicht an der Bar. Nachher gehen viele dann noch in einen Club. Wir selbst sind zwar kein Club, aber die Musik ist doch deutlich knackiger und lauter als in einer lauschigen Cocktailbar. Unsere Clubs und die Hannelore Bar ergänzen sich also irgendwie. Sobald die Sperrstunde gefallen ist, sperren wir wieder auf.

Wenn du im Plural sprichst, meinst du offensichtlich die Horst-Group. Was ist das genau? Der Horst-Club in der Rotgasse wurde Anfang 2000 ja offiziell zu Grabe getragen.

Das Horst war eine geile Sache. Ein richtig räudiger Techno-Club, in dem es nicht um Marken oder schicke Styles gegangen ist, sondern um guten, ehrlichen Techno. Nach meinem Schiffbruch mit der Empire-Gruppe im Jahr 2014 war ich pleite. Also musste ich von vorne beginnen – das bedeutete, etwas auf die Beine zu stellen, ohne groß zu investieren. Also ein Pop-up an einer Off-Location. Gemeinsam mit einem Partner haben wir dann mit der ehemaligen Kantine des alten Zollamts eine grandiose Location gefunden und dort einen Club von 2014 bis 2016 geführt. Doch die Kantine – so hieß der Club – hatte von Anfang an ein Ablaufdatum. Heute stehen dort die Türme des Trlllple Wohnparks. Also habe ich mich wieder auf die Suche nach einer neuen Location für ein Pop-up gemacht und bin in der Rotgasse fündig geworden, wo wir dann drei Jahre lang das Horst betrieben haben.

Die Adresse hast du ja gut gekannt. Dort hattest du ja von 2004 bis 2012 das Empire betrieben. Wieso das Dej -vu?

Das Haus in der Rotgasse hat den Eigentümer gewechselt. Der neue Besitzer Ronny Pecik plante die Immobilie zu einem Hotel umzubauen und wollte daher keine neuen Dauermieter haben. Das ehemalige Empire stand leer, hatte aber noch eine aufrechte Betriebsanlagen-Genehmigung. Auch Strom und Sanitäranlagen waren okay. Also haben wir beschlossen, uns dort mit dem Pop-up-Club Horst einzumieten. In den drei Jahren, die wir dort waren, habe ich Pecik näher kennengelernt. Und er hat bei mir gesehen, dass man einen lässigen Club auch seriös betreiben kann. Nachdem wir die Rotgasse 2019 räumen mussten und sich mit der Albertina Passage eine attraktive Möglichkeit für einen richtig großen Club bot, haben wir uns zusammengetan und die Passage als „O-Club“ neu eröffnet.

Fast zeitgleich konnten wir auch das Schwarzenberg übernehmen und als Inc. Hip-Hop-Club weiterführen. Als gemeinsame unternehmerische Klammer haben wir die Horst-Group gegründet, die im Frühling 2020 das Blue Mustard übernommen und daraus die Bar Hannelore gemacht hat.

Wie fühlt es sich an, vom Pop-up- Veranstalter zum Betreiber mehrerer edler Clubs aufzusteigen?

Das fühlt sich großartig an, aber das Gefühl habe ich ja schon aus meinem Vorleben mit der Empire-Gruppe gekannt. Der große Unterschied ist allerdings, dass damals alles recht chaotisch war und ich trotz meiner Rolle als Geschäftsführer irgendwann die Übersicht verloren habe. Nachdem es von 2000 bis zur Wirtschaftskrise 2008 nur bergauf gegangen ist und wir eine Disco nach der anderen aufgesperrt hatten, habe ich zu spät realisiert, wie sich das Ausgehverhalten der Gäste geändert hat. Bis 2008 konnten wir an drei oder vier Tagen in der Woche Umsatz machen. Doch plötzlich waren die Lokale nur mehr an den Wochenenden voll. Ich hätte darauf konsequenter reagieren müssen, anstatt auf die baldige Rückkehr zu den guten, alten Zeiten zu hoffen.

Ich will da nichts schönreden und musste dafür auch die Verantwortung übernehmen. Zum einen habe ich daraus viel gelernt, zum anderen habe ich mit Ronny Pecik jetzt einen Partner, der sich mit Finanzen wirklich gut auskennt. So kann ich mich voll auf die operative Leitung konzentrieren, ohne Gefahr zu laufen, dass das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage kommt.

Irgendwann würde dann das Hotel samt Club in der Rotgasse folgen. Doch dann kam Corona. Wie hast du das erlebt?

So wie alle anderen auch. Zunächst als Schock, der während des ersten Lockdowns das gesamte soziale Leben betroffen hat. Dass zwei Winter folgen würden, in denen man uns das Betreiben der Clubs verbieten würde, war allerdings für niemanden vorhersehbar. Nachdem wir im Sommer 2021 die Bar Hannelore aufgesperrt haben und auch die beiden Clubs wieder hervorragend liefen, schien die Pandemie vorbei zu sein. Doch dann kam der November 2021 mit den neuerlichen Schließungen. Mir tut das vor allem für die zahlreichen Mitarbeiter sehr leid, denn wir konnten nur einen kleinen Teil mit dem Kurzarbeitsmodell der Regierung weiterbeschäftigen. Aber das liegt jetzt hinter uns. Ich bin davon überzeugt, dass es ab März, wenn die Sperrstunde fällt, wieder richtig losgeht.

Glaubst du, dass sich das Ausgehverhalten der Gäste nachhaltig verändert hat?

Darüber, wie es im kommenden Winter wird, will ich nicht spekulieren. Für das nächste halbe Jahr bin ich aber sehr optimistisch. Wir spüren eine richtige Aufbruchsstimmung. Die jungen Leute wünschen sich ihre Freiheit zurück und wollen wieder gemeinsam Party machen. Trotz der allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten glauben wir, dass junge Leute mehr Geld fürs Ausgehen ausgeben werden, weil ein enormer Nachholbedarf nach gemeinsamen Erlebnissen besteht. Manchmal scheint es mir, dass die Erwachsenen vergessen haben, wie wichtig gemeinsame Erlebnisse für junge Menschen sind. Das betrifft ja nicht nur nächtliche Club-Besuche, sondern auch
Festivals, Konzerte oder die Sportveranstaltungen. Es wird da zumeist nur über Umsatzverluste der Veranstalter
geredet, die man irgendwie ausgleichen will. Aber es geht dabei um viel mehr. Gemeinsame Erlebnisse schaffen Identität und sozialen Zusammenhalt.

Wie bekommt man als „alter Hase“ den Club mit jungen Leuten gefüllt? Arbeitet ihr mit externen Veranstaltern zusammen?

Nein, das war nie meine Philosophie, weil man da rasch in Abhängigkeiten geraten kann und irgendwann die Kontrolle über die eigene Positionierung verliert. Wir sind in unseren Clubs immer selbst Veranstalter. Das bedeutet natürlich, dass wir vor allem im Marketing viele junge Leute an Bord haben, die genau wissen, wie man Leute aus dieser Zielgruppe treffsicher anspricht. Auch für die Programmierung der Abende ist es wichtig, den Puls der Zeit zu spüren. Das gilt umso mehr, wenn man – so wie wir – mehrere Clubs in der gleichen Stadt betreibt.

Was ist mit dem Objekt in der Rotgasse, wo du zuerst das Empire und später das Horst betrieben hast?

Bis es dort so weit ist, wird es noch ein bisschen dauern. Das wird sich heuer nicht mehr ausgehen. Aber schräg gegenüber vom O-Club wird es demnächst losgehen. Auch wenn uns in den letzten Monaten operativ die Hände gebunden waren, sind wir nicht untätig gewesen. Ronny Pecik hat das Hotel am Opernring übernommen und komplett umgebaut. Das wird im Mai unter der Marke „O-Eleven“ aufsperren und ist als exklusives Boutique-Hotel mit rund 50 Zimmern positioniert. Im Keller war zuvor der „Platzhirsch“ beheimatet, den wir in den letzten Monaten komplett umgebaut haben und als „Heidi“ aufsperren werden. Auch das wird extrem spannend. Wir können es gar nicht erwarten, dass in Wien das Nachtleben endlich wieder losgeht.

wer&was
Joachim Natschläger

1990 hat Joachim Natschläger im elterlichen Tanzlokal in Freistadt als DJ seine Leidenschaft für Musik erstmals vor Publikum unter Beweis gestellt. Da war er gerade einmal 14 Jahre alt.

Nach Absolvierung der Hotelfachschule hat er im Jahr 2000 gemeinsam mit seinem Vater die beiden Empire-Discotheken in Linz und St. Martin eröffnet. Mit verschiedenen Partnern folgten weitere Empires in den Bundesländern.

2004 kam er nach Wien, wo er aus dem legendären P1 in der Rotgasse ebenfalls ein Empire machte. Zu den besten Zeiten beschäftigte die Empire-Gruppe über 500 Mitarbeiter.

2014 war es mit dem „Disco-Imperium“ vorbei. Die Empire Marketing GmbH musste Insolvenz anmelden.
Für Natschläger bedeutete das, fortan kleinere Brötchen zu backen.

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Die Hannelore ist der erste Cocktail-Club der Stadt im Ambiente eines Wohnzimmers und gutem Sound.

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Das musikalische Konzept schlägt im O-Klub die Brücke zwischen elektronischer Musik und unterhaltsamer Partymusik. Cocktails gibt’s in der Bar „Der rote Baron“.

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Wir brauchen starke Marken wie Red Bull.

Joachim Natschläger

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Inc. steht für Incorporated Hip-Hop-Society. Hier finden alle Hip-Hop-Genres ihren Platz im Programm.

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Wir sind immer selbst Veranstalter.

Joachim Natschläger

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