NUR DIE MUSIK ZÄHLT

Heinz Tronigger schlägt sich seit knapp 30 Jahren beruflich die Nächte um die Ohren. Mit zwei Partnern hat er die Praterstrasse eröffnet. Der neue Club sorgt in Wien für Aufsehen – und zwar nicht nur in der Nacht.
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Die Praterstrasse ist cooler Club.Bar.Restaurant in der Praterstraße in 1020 Wien
Foto: Mato Johannik
Mit der Praterstraße betreibst du erstmals ein Lokal, das auch tagsüber geöffnet hat. Hast du jetzt vor, den Tag zur Nacht zu machen?

Meine große Leidenschaft war immer die Musik, und die spielt nun einmal in der Nacht, zumindest wenn es ums Tanzen geht. Mich hat es gereizt, „auf meine alten Tage“ noch einmal etwas Neues zu schaffen. Mit Hennes Weiss und Benjamin Loudon haben wir das Konzept der Praterstraße entwickelt, das nicht nur einen Club, sondern auch ein Café, ein Restaurant und eine Bar umfasst. Das ist zum einen der tollen Location mit Gastgarten geschuldet. Zum anderen spiegelt es auch persönliche Interessen wider. Und dann gibt es noch ganz einfache, kommerzielle Gründe. In der Nacht muss man in sehr kurzer Zeit viel Geld verdienen, damit die Rechnung aufgeht. Wenn es gelingt, einen Gutteil des Umsatzes schon vor dem Aufsperren des Clubs zu machen, ist es wesentlich einfacher, ein Lokal dauerhaft erfolgreich zu führen.

Das ist jetzt eine relativ profane Erklärung. Ist dir diese Erkenntnis erst mit zunehmendem Alter bewusst geworden oder hat dich das Geldverdienen mit einer ‚normalen’ Art der Gastronomie früher einfach nicht interessiert?

Ich sehe mich bis heute nur teilweise als Gastronom. Ich bin auch ein begeisterter Kulturschaffender. Ich habe gerade mit Pogo Kreiner nach über zehn Jahren Pause wieder ein „Madrid de los Austrias“-Album eingespielt, das wir in den nächsten Monaten veröffentlichen wollen. Für mich war und ist beim Thema Clubkultur der kulturelle Aspekt immer ganz wichtig gewesen, weil das der ursprüngliche Antrieb war, mich überhaupt in der Nachtgastronomie zu engagieren. Am Anfang war die Musik. Dafür auch Eintritt zu verlangen und Getränke zu verkaufen war für mich zunächst nur ein Mittel zum Zweck. Doch wenn man das Hobby zum Beruf macht, stellt sich irgendwann die Frage der Professionalität, und dazu gehört na-türlich auch der wirtschaftliche Erfolg. Wenn man ein neues Lokal wie die Praterstraße macht, kostet das richtig viel Geld. Das verlangt einen seriösen Business-Plan, wie man diese Investitionen wieder verdienen kann.

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Heinz Tronigger im Gespräch mit CR Wolfgang Schedelberger
Foto: Otto Michael
Dass man in der Nacht gutes Geld verdienen kann, hat sich herumgesprochen. In letzter Zeit drängen verstärkt Investoren in diesen Markt und versuchen die Wiener Clubszene zu erobern. Wie siehst du diese Entwicklung?

Die Szene hat sich in den vergangenen 30 Jahren, in denen ich aktiv dabei bin, professionalisiert, was auch seine guten Seiten hat. In den 1990er-Jahren wurde ja auch noch von E-Musik und U-Musik gesprochen – was nichts anderes bedeutet hat, als einem Musikstil das Label Kultur zuzuschreiben und den anderen als Kommerz zu verdammen. Die zeitgenössische Musik hat sich seither stark gewandelt, und mit der elektronischen Musik ist überhaupt ein gänzlich neues Genre dazugekommen. DJs wurden zu internationalen Stars, die ähnliche Gagen bekommen wie früher ganze Bands. Dann sind die Raves und die Festivals gekommen. Diese Entwicklungen spiegelten sich in den Clubs wider. Auch früher gab es kommerzielle Discos, in denen die Hitparade rauf und runter gespielt wurde. In den 1990er-Jahren entstanden dann auch alternative Clubs, die sich ganz anders positioniert haben. Und dann gab es sehr viele Lokale, die irgendwo dazwischen beheimatet waren. Wenn man den Puls der Zeit trifft, lässt sich mit Nachtlokalen zweifellos immer noch gutes Geld verdienen, aber es braucht dazu mehr, als ein schickes Ambiente hinzustellen und ein paar große Namen zu engagieren. Eine gewisse Credibility gehört eben auch dazu. Die Nachtgastronomie ist nicht so einfach, wie es Außenstehenden manchmal erscheinen mag.

Credibility ist auch so ein Schlagwort, das im Nachtgeschäft gerne bemüht wird. Was bedeutet das eigentlich?

Junge Leute wollen sich nicht nur als Zielgruppe behandelt sehen, die man nach Belieben mit maßgeschneiderten Konzepten bespaßt. Sie wollen bei etwas dabei sein, wo sie sich zugehörig fühlen können, wo die angesagten DJs auflegen, wo Opinion-Leader hingehen. Genau das herauszufinden ist die Aufgabe von Promotoren, die mit ihren Formaten die größten Clubs bespielen und die richtigen Künstler buchen. Ich persönlich weiß schon lange nicht mehr, wen die Kids heute hören wollen. Meine Aufgabe liegt darin, eine gute Bühne zu schaffen, wo vieles möglich ist. Dazu gehört neben der Einrichtung vor allem eine perfekte Ton- und Lichtanlage. Die Programmierung der Abende kann man relativ flexibel gestalten und adaptieren.

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Heinz Tronigger, Benjamin Loudon, Hennes Weiss – das kongeniale Trio.
Foto: Kurt Patzak
Nach der Trennung von der Babenberger-Passage (2015) und der Albertina-Passage (2019) hast Du der Clubszene Adieu gesagt. Wieso bist Du nun mit neuen Partnern in die Nachtgastronomie zurück?

Wirklich weg war ich ja nie. Als wir die Babenberger-Passage verkauft haben, liefen die Vorbereitungen für die Praterstraße schon auf vollen Touren. Hennes Weiss war mit seiner Pratersauna viele Jahre lang ein hochgeschätzter Wegbegleiter durch die Wiener Nächte, der nach dem Verkauf der Pratersauna an Martin Ho vor allem mit seinen Lighthouse-Festivals in Kroatien für Furore gesorgt hat. Und dann ist noch Benjamin Loudon an Bord gekommen, der seit Beginn bei unserem Sender Radio Superfly dabei ist und ein ausgesprochener Marketing- und Event-Profi ist. Wir haben uns also schon lange gut gekannt und wollten gemeinsam etwas Neues machen. Als wir von dieser tollen Location gehört haben, in der zuvor das Aufnahmestudio von ATV beheimatet war, begannen wir Fantasien zu entwickeln. Der Dancefloor ist im ehemaligen Aufnahmestudio untergebracht, der als Raum-in-Raum errichtet wurde, wodurch er absolut schalldicht ist und man auch in der Nacht richtig Gas geben kann. Obwohl mitten in der Stadt gelegen, befindet sich der Dancefloor nicht im Keller, sondern ist ebenerdig zugänglich. Das war ein weiterer Grund, wieso wir ein Ganztageskonzept entwickelt haben.

Ihr wolltet im März 2020 aufsperren. Dann gab es im Oktober einen zweiten Anlauf, aber auch der dauerte nur wenige Wochen. Wie lässt sich der dritte Anlauf an?

Es war keine einfache Zeit, wobei die Regierung trotz der strengen Regeln zumindest das wirtschaftliche Überleben der meisten Clubs ermöglicht hat. Persönlich habe ich mich vermehrt der Musik gewidmet. Jetzt scheint es wirklich loszugehen. Für ein Fazit ist es noch viel zu früh, aber bis jetzt fühlt es sich richtig gut an. Das sehen wir auch bei unseren Gästen. Sie sind ausgehungert und wollen endlich wieder ge-meinsam tanzen gehen und Party machen. Wie es tatsächlich ausschaut, wird man dann ab September sehen, wenn die Ferien vorbei sind. So ganz vom Tisch ist das Thema Corona leider noch nicht, obwohl mein Partner Hennes Weiss ein geniales Konzept für die rasche Abwicklung von Tests entwickelt hat, das er derzeit auch in-ternational präsentiert. Ich will nicht darüber spekulieren, wie sich die Gesetzeslage im kommenden Herbst entwickeln wird. Einen kompletten Lockdown wie im vergangenen Jahr schließe ich eigentlich aus, aber Beschränkungen, was die Anzahl der Gäste oder Öffnungszeiten betrifft, wären natürlich extrem problematisch – nicht nur für uns, sondern für alle Clubs des Landes.

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Einzigartige Pizza aus Kefir-Miso-Sauerteig sind der Signatur-Dish in der Superstrada18.
Foto: Mato Johannik
Jetzt ist die Praterstrasse nicht nur ein Club, sondern auch Café, Bar und Restaurant. Wie schaut das gastronomische Konzept der Praterstrasse tatsächlich aus?

In unserer Superstrada 18 backen wir einzigartige Pizze aus Kefir-Miso-Sauerteig. Der Teig macht hier einfach den Unterschied. „Three days chilled, three minutes baked“ lautet unser Motto. Und auch bei der Belegung gehen wir eigene Wege. Unsere L. A. Meatballs sucht man in Neapel vergeblich, genauso wie unse-re vegetarische Kimchirita. Trotzdem sind sie unglaublich gut. Die kann man ge-mütlich in unserem Gastgarten genießen oder mitnehmen. Das ist aber erst der Anfang. Mit Ferienende werden wir das Angebot in Richtung mediterrane Küche ausweiten und schon zu Mittag Pasta, Salate und Fischgerichte anbieten. Außerdem entwickeln wir gerade ein Fine-Dining-Konzept für den Abend, bei dem wir ein paar Tische im Clubraum bespielen wollen. Mit unser einzigartigen Licht- und Sound-Anlage könnte man dort etwas wirklich Spektakuläres umsetzen. Das Spannende an dieser Location sind die vielen Möglichkeiten, die sie bietet.

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Die Einrichtung passt für alle Gäste in der Praterstrasse, ob Club-Member oder Restaurant-Gast.
Foto: Mato Johannik
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»Ein guter Club hat stets auch einen kulturellen Aspekt«

Heinz Tronigger

Klangwunder
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Mit ihrer speziell auf die Praterstrasse maßgeschneiderten bewegten Kinetic-Light-Installation liefert das international erfolgreiche Künstlerkollektiv von lichterloh.tv ein völlig neues und einzigartiges visuelles Meisterstück, das den High-Performance-Speakern aus der neuen QX Serie – den Grazer Elektroakustik-Spezialisten von Lambda Labs - installiert von Pro Performance Wien – die perfekte Bühne bietet.

(c) Mato Johannik

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(c) Mato Johannik

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(c) Mato Johannik

»Wir backen einzigartige Pizza aus Kefir-Miso-Sauerteig«

Heinz Tronigger

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(c) Mato Johannik

ZUR PERSON

Ende der 1980er Jahre kam der junge Kärntner Heinz Tronigger zum Studieren nach Wien. Rasch entdeckte er seine Liebe zur Musik. Er begann Platten zu Sammeln, auf Festen aufzulegen und jeden Montag in den Club Soul Seduction im Volksgarten zu pilgern. Als die Soul Seducation 1991 schloss, gründete er 1994 gemeinsam mit Matthias Kamp „Sunshine Enterprises“ und begann zunächst an absoluten Off-Locations (Schutzhaus auf der Schmelz, Studios Rosenhügel, Casino Baumgarten) sogenannte Clubbings zu veranstalten.

Der entscheidende Schritt war dann die Übersiedlung in die Meierei am Stadtpark, also dorthin, wo sich heute das Steirereck befindet. Mit der zentralen City-Location war Sunshine Enterprises von 1998 bis 2002 zu einem der wichtigsten Veranstalter des Wiener Nachtlebens geworden. Es folgten die Babenberger Passage, das Roxy, das Comida mit dem im Keller gelegenen Red Room und der Dinner-Nightclub Albertina Passage.

Mit weiteren Partnern haben Kamp uund Tronigger 2008 den Radiosender Superfly FM gegründet. Außerdem betreibt Sushine Enterprises das Plattenlabel Vienna Scientists.

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WER&WO

Praterstrasse / Superstrada
Praterstraße 18
1020 Wien
www.praterstrasse.wien

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