SCHMÄHBRÜDER MIT RESPEKT

Der Schmäh rennt. Das Ambiente ist sympathisch. Italien pur. Das gibt es auch anderswo. Was die Aperitivo-Bar Monte Ofelio in Wien so einzigartig macht, ist die Güte der Produkte. Hier begeistert jeder Schluck und jeder Bissen.
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Wenn Papa Umberto von der Monte-Ofelio-Farm in Kampanien zu Besuch kommt, zeigen sich Luca (l.) und Dario (r.) von ihrer zahmen Seite
Foto: Otto Michael

Manche Gäste lachen vor Freude, andere weinen vor Glück. Doch egal, wie die Reaktion ausfällt – das kulinarische Angebot im Monte Ofelio lässt niemanden kalt. Es gibt zwar nur eine relativ bescheidene Auswahl, aber was immer man auch bestellt – alles ist von so außergewöhnlicher Qualität, dass man ins Grübeln gerät. Wie machen die beiden Brüder Dario und Luca Formisano das bloß? Fragt man kurz nach, bekommt man in perfektem Deutsch eine ebenso kurze Antwort: „Wir lieben unsere Produzenten!“ Wir haben beschlossen, etwas genauer nachzufragen und von den beiden Brüdern ausführlichere Antworten bekommen. Neben der Liebe geht es auch um Respekt. Und um eine Haltung dem Leben gegenüber. Dass diese stets mit einem breiten Lächeln dargestellt wird, macht ihren Auftritt nur noch sympathischer.

Alles beginnt am Ostermontag 1986 in Neapel. Die beiden Wiener Schwestern Doris und Linda haben ihre Künstler-Freundin Betty in Neapel über die Feiertage besucht. Gemeinsam war man auf eine kampanische Osterjause eingeladen, wo Doris plötzlich von einem sympathischen Neapolitaner mit einer gebratenen Artischocke überrascht wurde. Umberto sprach weder Deutsch noch Englisch, Doris kein Wort Italienisch. Gefunkt hat es trotzdem. Doris blieb in Neapel, heiratete Umberto und brachte nach einer Tochter auch noch zwei aufgeweckte Buben zur Welt. Dies ist ihre Geschichte.

Ihr seid im wunderschönen Neapel aufgewachsen. Jetzt lebt ihr beide in Wien. Wieso?

DARIO: Ich habe mich seit meiner frühen Jugend für Mode begeistert und das kann man in Neapel einfach nicht professionell machen. Nach Mailand wollte ich nicht, und da ich – so wie mein Bruder – zweisprachig aufgewachsen bin, war es naheliegend, nach Wien zu gehen. Es ist auch alles gut gegangen. Ich habe in der Modebranche Fuß fassen können und war auch recht erfolgreich. Aber mit dem Erfolg ist auch ein gewisser Druck zum kommerziellen Denken einhergegangen und das wollte ich auf Dauer nicht. Zum einen bin ich ein Ästhet und interessiere mich neben dem Schnitt auch für die Stoffe und das Handwerk. Zum anderen hat mich auch die politische und soziale Bedeutung der Mode im 20. Jahrhundert fasziniert. Was ich aber gar nicht mag, ist das Marketing-Getue dieser Branche. Ich habe zwar ganz gut verdient, wurde aber innerlich immer unglücklicher. Mir wurde klar, in der Modewelt werde ich nicht bleiben.

LUCA: Ich wollte immer schon in die Gastronomie und habe in Italien die Hotelfachschule absolviert. Mit 16 war ich für einen Sommer in Wien kellnern, später dann auch für eine Saison in Tirol. Ich habe dann auch als Koch gejobbt und mir ein bisschen die Welt angeschaut. In der italienischen Hotellerie einen angemeldeten Job zu finden, war damals leider unmöglich. Und irgendwo für viele Gäste möglichst günstig zu kochen, hat mich auf Dauer auch nicht interessiert. Ich habe dann eine Zeit lang in Neapel als Bäcker gearbeitet. Ein Freund hat eine Getreidemühle gehabt, ein anderer hat das Bio-Getreide angebaut. Das Wasser haben wir von der eigenen Quelle auf unserem kleinen Landgut bezogen, die Sauerteigmutter war von meiner Uroma. Das war richtig gut, aber auf Dauer zum Leben zu wenig. Da habe ich mich daran erinnert, dass ich ja einen großen Bruder habe, der in Wien lebt. Ich bin hergekommen und habe nach ein paar weniger wichtigen Stationen zu Maria Fuchs gefunden, für die ich dann die Restaurantleitung in der Disco Volante gemacht habe. Das war ein toller Job, aber mir wurde rasch klar, dass ich möglichst schnell in die Selbstständigkeit wechseln wollte.

Und da haben sich die beiden Brüder dann gefunden ...

DARIO: Definitiv. Das war zwar nicht mein gelernter Beruf, aber ich wollte ohnehin die Branche wechseln. Außerdem habe ich die Liebe zu gutem Essen von unseren Eltern mitbekommen. Anfangs wollte Luca eine richtige Osteria aufmachen, aber das wäre von der Finanzierung her ohnehin schwierig geworden. Als wir das kleine Lokal am Augarten entdeckt haben, war klar, dass das genau unsere Kragenweite ist. Wir haben das Lokal in Eigenregie hergerichtet und einfach aufgesperrt.

Wie würdet ihr den Lokaltyp genau beschreiben? Ist es eine Cocktail-Bar, ein Café, ein Delikatessen-Geschäft oder alles gleichzeitig?

LUCA: In Italien würde ich es schlicht als Bar bezeichnen, weil dort der Begriff „Bar“ weiter gefasst ist als in Österreich. Aber alles, was du angeführt hast, sind wir auch. Kaffee ist natürlich ganz wichtig – nicht vom Umsatz her, aber von der Philosophie: kein Kaffee, keine Bar! Dann bin ich ein großer Freund von Naturweinen, die gibt es bei uns natürlich auch. Mit unserem Negroni Sbagliato haben wir uns eine riesige Fan-Gemeinde „ermixt“. Und weil man zum Trinken auch etwas zum Essen braucht, machen wir belegte Brötchen. Auch da sind wir Perfektionisten. Also habe ich mit der Bäckerei Joseph ein eigenes Kartoffelbrot entwickelt, das wir mit Köstlichkeiten von befreundeten Produzenten aus Süditalien belegen. Und weil wir gerne teilen, kann man ein paar dieser Delikatessen auch für zu Hause kaufen.

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Foto: Oliver Jiszda Photograhpy
Das klingt eigentlich ganz logisch. Aber wieso schmeckt alles so ausgesprochen gut?

LUCA: Das hat vor allem mit unseren Freunden in Itali-en zu tun. Alle unsere Lieferanten sind kleine Produzen-ten, die außergewöhnliche Lebensmittel produzieren. Es ist ja schön, dass es in Italien so viele Produkte gibt, die man auf der ganzen Welt kennt: Prosciutto, Mortadella, Mozzarella, Parmesan usw. Aber es ist nicht alles gut, was unter diesen Namen auf den Markt gebracht wird, weil es vielfach in Großbetrieben als Massenware hergestellt wird. Wir haben einen Prosciutto aus Sizilien, der von einer bemerkenswerten Frau gemacht wird, deren Schweine in einem Nationalpark herumlaufen. Von meinem Lieblingsprosciutto aus Urbino, der fünf Jahre reift, bekomme ich überhaupt nur ein Stück pro Jahr, und das auch nur deshalb, weil ich mehrmals vor Ort war und selbst ein Schwein geschlachtet habe. Wir importieren alles selbst, weil es diese Dinge außerhalb Italiens einfach nicht gibt. Deshalb wechselt auch das Angebot in der Vitrine laufend. Es ist immer eine Selektion von Delikatessen, die nur sehr beschränkt verfügbar sind. Die Supermärkte haben in den letzten Jahrzehnten bei den Konsumenten leider das Bewusstsein für Herkunft und Qualität zerstört. Wenn etwas aus ist, werden wir oft gefragt, wann es wieder kommt, und dann staunen die Gäste, wenn ich sage: hoffentlich nächstes Jahr.

DARIO: Mir ist auch die Präsentation der Produkte im Lokal ganz wichtig. Das hat nicht nur mit meinen ästhetischen Ansprüchen zu tun, sondern auch mit der Wertschätzung gegenüber den Produzenten. Wir brauchen dafür kein edles Porzellan oder Silberbesteck. Viel wichtiger ist genug Zeit, um alles, was wir unseren Gästen servieren, mit Liebe zum Detail anzurichten. Da verlangen wir von unseren Gästen mitunter etwas Geduld, aber wir sind eben kein Fastfood-Lokal, sondern eine Slowfood-Bar. Wir lieben unsere Gäste, aber wir erwarten uns von ihnen auch einiges. Wie es unter Freunden so ist. Wenn jemand nicht bereit ist zuzuhören, von wo eine Delikatesse herkommt, dann verkaufen wir sie ihm auch nicht. Und wenn jemand nicht in der Lage ist, unsere Mitarbeiter zu begrüßen oder „Bitte“ und „Danke“ zu sagen, dann passt er auch nicht zu uns. Auch wenn wir hochpreisige Delikatessen anbieten, sind wir kein „Nobelitaliener“.

»Für uns ist Bioviel zu wenig«
Die Namensgebung des eigenen Lokals ist immer eine Herausforderung. Was bedeutet der Name Monte Ofelio eigentlich?

LUCA: Den Monte Ofelio gibt es wirklich. Es ist ein erloschener Vulkan nördlich von Neapel. Es ist auch der Name der wunderbaren kleinen Farm, in welcher un-sere Eltern leben. Es ist ein kleines Paradies, wo fast alles gedeiht – Obst, Gemüse, Wein. Der Boden ist fruchtbar, unser Wasser kommt aus der eigenen Quelle. Das ist auch der Grund, wieso wir mit dem Label „Bio“ so wenig anfangen können. Für uns ist „Bio“ viel zu wenig. Außerdem wird diese Zertifizierung aus Marketingüberlegungen von immer mehr Großproduzenten verwendet, die mit der Art von Lebensmittelproduktion, wie wir es uns vorstellen, gar nichts zu hat.

»Wir lieben unsere Gäste, aber wir erwarten von ihnen auch einiges«
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Foto: Otto Michael
Vor ein paar Wochen hat das Monte Ofelio eine kleine Schwester im ersten Bezirk bekommen. Wie ist es dazu gekommen?

DARIO: Eigentlich wollen wir nicht größer werden, weil das nicht zu unserer Philosophie passt. Gleichzeitig hat sich im Laufe der fünf Jahre, die es uns jetzt schon gibt, ein Netzwerk an Mitarbeitern ent-wickelt, das es uns erlaubt, einen weiteren Standort mit den gleichen Qualitätsansprüchen zu betreiben. Das Lokal war zuvor das CinCin Buffet von unserer Freundin Maria Fuchs. Aufgrund der Lage mitten im Ersten ist es eine Tagesbar, wo wir bereits um 7.30 Uhr mit dem Frühstück starten. Zum Frühstück gibt es neben dem besten Cappuccino weit und breit selbst gefüllte Cornetti, im Laufe des Vormittags starten wir dann mit weiteren kalten Köstlichkeiten. Bald wird es dort auch eine etwas kleinere Auswahl an Panini und Bruschette, wie in unserem Lokal im 2. Bezirk, geben.

Ist eine weitere Expansion angedacht?

DARIO: Eine Kette mit zahlreichen Outlets wird es nie geben. So ticken wir nicht. Gleichzeitig sind wir immer noch relativ jung, also will ich nicht ausschließen, dass uns in den nächsten Jahren noch irgendetwas Neues einfällt. Uns ist es ein besonderes Anliegen, die Spezialitäten von befreundeten Kleinproduzenten nach Wien zu bringen, also werden wir einen Online-Shop auf unserer Website einrichten. Dieser wird noch dieses Jahr zur Verfügung stehen – vorerst wird es nur möglich sein, Panettone sowie Pienno-lo-Tomaten vorzubestellen. Diese können dann in unseren Lokalen abgeholt werden. Sukzessive werden wir die Auswahl vergrößern und im Laufe des kommenden Jahres weitere Produkte aus Italien auch zum Versand innerhalb Österreichs anbieten.

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Antipasti vom Feinsten

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»Wir importieren alles selbst, weil es diese Dinge außerhalb Italiens überhaupt nicht gibt«

Luca Formisano

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Haben viel Freude mit der neuen Bar im 1. Bezirk: Antonio mit der perfekten Granita und Paolo mit seinem Cynar Spritz

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Luca über Granita:

„Eigentlich ist es für mich unverständlich, wieso es hier so wenig Granita gibt. Es gibt im Sommer nichts Besseres. Wir haben zwei köstliche Varianten kreiert. Unser Mandel-Granita passt perfekt zu Kaffee oder zum Cream-Likör Guappa. Das Zitronen-Granita schmeckt am besten pur.“

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Dario über Liköre:

„Liköre haben vor allem unter Männern keinen allzu guten Ruf. Zu Unrecht. Selbst der Creme-Likör Guappa, der von einer uralten Destillerie in Kampanien mit Büffelmilch hergestellt wird, entwickelt auch bei zahlreichen männlichen Stammgästen Suchtpotenzial. Wir machen auch einen eigenen Limoncello, der in mehrerer Hinsicht außergewöhnlich ist.“

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WAS&WO

Monte Ofelio
Bar Augarten
Obere Augartenstraße 70
1020 Wien

Monte Ofelio
Bar Schottenbastei
Schottenbastei 2
1010 Wien
www.monteofelio.com

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