BARCELONA 2021

Barcelona ist nach wie vor ein Traumziel für Feinschmecker, auch wenn die Pandemie in der katalanischen Hauptstadt sichtbare Spuren hinterlassen hat. Nicht alle Restaurants haben die Krise überlebt.
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Eduard Xatruch, Mateu Casañas und Oriol Castro vom Restaurant Disfrutar
Foto: Disfrutar

Von „Overtourism“ spricht hier keiner mehr, nicht einmal der Tourismusstadtrat Xavier Marcé von der linksalternativen Stadtregierung, die im Jahr 2015 mit demVersprechen antrat, „die Stadt ihren Bürgern zurückzugeben“. Das hat die Pandemie geschafft und zwar radikaler, als man es sich jemals vorstellen konnte. Die Rückkehr zu einer Art von Normalität gestaltet sich schwierig und geht nur langsam vor sich. Gäste aus Übersee (Asien, USA, Naher Osten) fehlen noch komplett, und auch der einst gewaltige Strom an Besuchern aus Nordeuropa kommt erst langsam wieder in Gang. Insgesamt kamen 2019 mehr als zwölf Millionen Gäste nach Barcelona, heuer wird es nicht einmal die Hälfte sein.

Viele Hotels haben im Sommer 2021 auch ohne gesetzliche Restriktionen immer noch geschlossen. Auch in den angesagtesten Restaurants der Stadt, in denen man zuvor oft wochenlang im Voraus reservieren musste, bekommt man jetzt kurzfristig einen Tisch. „Wer überwiegend von Touristen gelebt hat, ist in großen Schwierigkeiten“, erklärt uns Max Colombo, der als engagierter Multi-Gastronom weiß, wovon er spricht. Sein venezianisches Restaurant Xemei war bei unserem Besuch Anfang Mai zwar bis auf den letzten Platz gefüllt. Und auch die beiden Pizzerien, das Can Pizza Prat in der Nähe des Flughafens und die extrem beliebte Pizzeria Frankie Gallo Cha Cha Cha im Szene-Viertel El Raval, laufen hervorragend, doch die legendäre Bar Brutal im Barri Gòtic musste vorläufig schließen. „Wir machen dort momentan private Events und hoffen, mit unseren drei anderen Restaurants genug zu verdienen, damit wir mit der Bar Brutal bis zur Rückkehr der Normalität durchhalten können“, sagt uns der gebürtige Italiener Max Colombo, der die Lokale gemeinsam mit seinem Bruder Stefano führt.

Keine Tickets mehr

Das prominenteste Opfer der Pandemie ist die elBarri-Gruppe, bei der Albert Adrià für die gastronomische Leitung verantwortlich war. Finanziell standen die drei Iglesias-Brüder Juan Carlos, Borja und Pedro hinter der elBarri-Gruppe. Darüber hinaus hatten Juan Carlos, Borja und Pedro Iglesias auch Restaurants in Madrid und London betrieben: Investitionen mit fremden Geld, die während der Boomjahre durchaus Sinn zu machen schienen. Die Pandemie hatte sie auf dem falschen Fuß erwischt. Laut spanischen Medien musste die Gruppe mit einer Überschuldung von mehr als acht Millionen Euro im April Konkurs anmelden. Die Restaurants Enigma, Pakta, Hoja Santa, Bodega 1800 und das berühmte Tickets waren bereits seit September 2020 geschlossen und werden – so scheint es derzeit – in dieser Form auch nicht mehr aufsperren. „Die vergangenen zehn Jahre waren ein wunderbarer Traum, der jetzt leider brutal beendet wurde. Wie es weitergeht, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Barcelona wird sich wieder erholen, und ich werde in meiner Heimatstadt sicher wieder etwas machen, doch momentan überwiegt die Trauer“, erklärte ein sichtlich gerührter Albert Adrià im katalanischen Fernsehen.

Die beiden Dreisterner ABaC und Lasarte konnten die Krise relativ unbeschadet durchtauchen, weil sie in luxuriösen Hotels liegen, die über ausreichend finanzielle Reserven verfügen. Sie haben jetzt wieder auch am Abend geöffnet, doch wirklich voll sind sie nur selten – so wie die dazugehörigen Hotels. Von den insgesamt sechs Zwei-Sterne-Restaurants läuft es vor allem im Disfrutar, dem „Kreativlabor“ der drei Ausnahmeköche Mateu Casañas, Oriol Castro und Eduard Xatruch, ausgezeichnet. Das Trio hat noch einmal einen Gang zugelegt und versetzt auch weitgereiste Feinschmecker immer wieder aufs Neue ins Staunen. Das gelingt ihnen mit avantgardistischen Kreationen, bei denen sie mit aufwendiger Technik Gerichte erfinden, die neben spannenden Texturen auch geschmackliche Feuerwerke bieten. Die Exaktheit der Exekution unterscheidet sie dabei von anderen „kreativen“ Restaurants, die sich im „Molekular“-Metier tummeln.

Im Disfrutar wird jeder Besuch zu einem kulinarischen Erlebnis. Erstaunt hat uns diesmal auch der Sommelier Rubén Pol, der uns bei zwei Gängen jeweils zweimal denselben Wein einschenkte – einmal unbehandelt und einmal ohne Alkohol. Prinzipiell halte ich von alkoholfreien Weinen genauso viel wie von zuckerfreiem Cola oder koffeinfreiem Kaffee, nämlich gar nichts. Die grundlegende Frage, ob es nicht ein Sakrileg ist, einem großen Wein durch ein aufwendiges Verfahren den Alkohol zu entziehen, bleibt natürlich bestehen. Und doch war es unglaublich, wie nahe die alkoholfreien Weine geschmacklich an ihren unbehandelten Originalen blieben. Ernsthaft: Derart gute alkoholfreie „Weine“ habe ich zuvor noch nie gekostet.

Simples Ambiente – grandiose Küche

Was in der katalanischen Hauptstadt immer wieder beeindruckt, ist die Vielzahl an scheinbar simplen Lokalen mit außergewöhnlich guter Küche. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Mont Bar nicht von den vielen anderen Bars der Stadt. Vielleicht ist sie ein bisschen gepflegter, aber vom Konzept her geht es hier recht leger zur Sache. Man sitzt auf Hochtischen, bestellt sich etwas zu trinken und dazu ein paar Snacks. Doch die haben es in sich. Seit Betreiber Iván Castro die beiden Köche Fran Agudo und Jaume Marambio engagiert hat, weht hier ein Hauch des ehemaligen Tickets durch die kleine Bar. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann der erste Michelin-Stern folgen wird. Ebenfalls noch „sternelos“ ist das Suculent in El Raval. An der Küche kann das unserer Meinung nach nicht liegen, aber wie so oft in Spanien bietet der Guide Michelin nur bedingt verlässliche Orientierung. Nimmt man die Zahl der hochdekorierten Küchenchefs, die hier regelmäßig ihre freien Abende verbringen, als Maßstab, ist das Succulent allerdings eines der besten Restaurants der Stadt.

Rund um die touristischen Trampelpfade Ramblas und Passeig de Gràcia sowie dem Barri Gòtic ist momentan wenig los. Auch in den Hotels und Restaurants am Meer herrscht vielfach noch gähnende Leere. Etwas besser sieht es im bis vor kurzem noch verruchtem Viertel El Raval sowie den Wohnbezirken Eixample und Sant Antoni aus. Schließlich ist Barcelona keine reine Touristenstadt, sondern Heimat von 1,6 Millionen Menschen (der Großraum umfasst gar 3,2 Millionen), die auch gerne essen und trinken gehen. Während unseres Besuchs im Mai war der Besuch von Lokalen nur bis 17 Uhr möglich, ab 22 Uhr galt eine strikte Ausgangssperre, die auch streng kontrolliert wurde. Abgesehen von einer landesweiten Maskenpflicht, die auch im Freien gilt, können Lokale seit Juni wieder uneingeschränkt offen haben und auch die Einreisebeschränkungen für Touristen sind weitgehend gefallen.

Brauerei im Keller // Erlebnisgastronomie am Dach
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Das Sternerestaurant Alkimia wirkt auch ohne Farben eindrucksvoll.
Foto: Adria Goula

An der Grenze zwischen Sant Antoni und El Raval liegt die historische Moritz-Brauerei, wo seit 1856 Bier gebraut wird. Die tatsächliche Produktionsstätte befindet sich zwar schon längst außerhalb der dicht besiedelten Stadt, im historischen Gebäude in der Ronda de Sant Antoni werden jedoch weiterhin Spezialitäten gebraut. Im Keller und zu ebener Erde kann man frisch gezapftes Bier trinken und ein paar deftige Kleinigkeiten essen. Zwei Stockwerke höher wird in einem spektakulären Ambiente Küche auf Sterne-Niveau geboten. Das Alkimia ist ein extrem witziges und originelles Restaurant, in dem Küchenchef Jordi Vilà seiner Kreativität freien Lauf lässt. Das ursprüngliche Alkimia existierte von 2002 bis 2015 in der Nähe der Sagrada Familia, bevor es in die Moritz-Brauerei übersiedelte. Vilà war bereits seit 2011 kulinarischer Berater der Moritz-Gruppe und ist 2016 mit seinem Alkimia in der Brauerei eingezogen. Neben dem Fine-Dining-Restaurant, das nur sechs Tische umfasst, bietet das lässige al Kostat, das im Shabby Chic mit unverputzten Mauern und zahlreichen Retro-Artefakten gestaltet ist, rund 80 Gästen Platz. Beeindruckend sind beide Lokale.

Die Nacht erwacht langsam
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Gin Mare Classic oder Gin Mare Capri? In der Bar Perdita werden die besten Gin Tonics der Stadt gereicht
Foto: Bar Perdito

Wie im restlichen Europa hat die Pandemie die Nachtgastronomie besonders hart getroffen. Erst seit Juni dürfen Bars und Clubs wieder aufsperren, doch ohne internationale Gäste fehlt es an Umsatz. In großen Bars und Clubs fehlt es an Stimmung. Doch jene Bars, die auch unter den Einheimischen eine starke Fanbase haben, sind bereits gut besucht. Die Speak Easy Bar Perdita, in der es auch außergewöhnliches Barfood gibt, ist so ein Geheimtipp. Und auch in der Paradiso-Bar von Giacomo Gianotti geht ohne Reservierung so gut wie nichts. Dafür wird man mit kreativen Cocktails belohnt, wie man sie sonst nirgendwo bekommt. Hier fliegen die Schäume tatsächlich, bevor sie vom Barkeeper „eingefangen“ und in den Drink eingebaut werden. Bei Tag oder in der Nacht – Barcelona ist und bleibt eine der spannendsten Metropolen Europas.

NO MORE TICKETS
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Ein Bild aus vergangenen Tagen mit CR Wolfgang Schedelberger, denn das Tickets ist nicht mehr

»Wir lebten zehn Jahre einen großen Traum, der ist jetzt leider vorbei«

– ALBERT ADRIÀ –

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»Wer nur von Touristen gelebt hat, ist jetzt in echten Schwierigkeiten«

– MAX COLOMBO –

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(c)Adria Goula // Disfrutar: Avantgardistische Architektur und spektakuläre Gerichte wie die mit dem iSi Gourmet Whip zubereitete „falsche“ Carbonara

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(c)Francesc Guillamet

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So köstlich können „Tapas“ schmecken, wenn sie von Meisterhand zubereitet werden

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Jordi Vilà ist für die gesamte Kulinarik in der Moritz-Brauerei verantwortlich.

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Giacomi Gianotti (r.) von der Bar Paradiso mit dem besten Barkeeper Madrids: Diego Cabrera (Bar Salmon Guru)

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