WENN APHRODITE DIONYSOS KÜSST

Der griechische Wein hat eine lange Geschichte voller Mythen. Die Gegenwart erscheint da mitunter langweilig und banal.
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Vor Ort schmecken die Gaia-Weine gleich noch einmal so gut
Foto: Gaia Wine

Als Udo Jürgens 1971 seinen Hit „Griechischer Wein“ erstmals sang, schien die Welt noch in Ordnung. Und sie war leichter verständlich. Griechischer Wein war entweder ein einfacher, aber üppiger Rotwein („So wie das Blut der Erde, komm’ schenk’ dir ein“) oder ein seltsam schmeckender Weißer namens Retsina. Dieser stand für unbeschwerte Sommerurlaube, bei denen man abends in die Taverna Unmengen geharzten Wein trinken konnte, ohne viel bezahlen zu müssen. Danach noch beschwingt Sirtaki tanzen und alles war gut. Irgendwann bleib i dann dort. So wurde das Lebensgefühl in den 1980er-Jahren vom steirische Pop-Trio STS auf den Punkt gebracht. Doch brauten sich schon damals die ersten Gewitterwolken über den griechischen Inseln zusammen. Einsame Inseln wandelten sich zu überlaufenen Party-Hotspots, aus kleinen Kneipen wurden touristische Großrestaurants. Kein Wunder, dass der Wein immer schlechter wurde. Schließlich galt es, Millionen von anspruchslosen Nordeuropäern Nacht für Nacht gewinnbringend zu berauschen.

Doch wo viel Schatten fällt, da gibt es auch Licht. Mit der steigenden Nachfrage an Massenweinen hat sich die griechische Weinwirtschaft in den 1980er-Jahren zu konsolidieren begonnen. Die Keller wurden modernisiert, und zunehmend hat man auch mit internationalen Rebsorten (Chardonnay, Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon ...) experimentiert. Ersteres war notwendig, Zweiteres zumindest Teil eines Lernprozesses. Gleichzeitig begannen einzelne Wein-Pioniere, die oft im europäischen Ausland gelernt hatten, neue Wege zu gehen und sich mit ihrem Terroir und den Charakteristiken ihrer autochthonen Rebsorten ernsthaft auseinanderzusetzen. Es dauerte ein paar Jahre, doch viele der heute gefeierten Top-Weine Griechenlands stammen aus Weingärten, die damals ausgepflanzt oder zumindest neu übernommen wurden. Auf breiter Front ging es mit den Weinqualitäten zunächst jedoch noch bergab – vor allem beim allgegenwärtigen Retsina.

Geharzte Ikone in der Krise
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Harz ist nicht gleich Harz, was man bei Premium-Retsinas auch schmeckt.
Foto: Redaktion

Seinen eigenwilligen Geschmack hat der Retsina vom zugesetzten Pinienharz. Vor Jahrtausenden wurde es dazu verwendet, Amphoren abzudichten, um den Wein transportfähig zu machen. Es müssen wirklich gute Tropfen gewesen sein, sonst hätte man diese Weine nicht bis nach Rom exportiert. Einmal auf den Geschmack gekommen, haben die Griechen die Tradition, Weine mit Pinienharz zu aromatisieren, beibehalten. Allerdings handelte es sich zunehmend um leichte und ausdrucksschwache Weißweine,
deren Basisqualität dank des harzigen Kellertunings ohnehin kaum eine Rolle spielte. Doch was ist Retsina eigentlich?

Auch wenn der überwiegende Anteil aus der Savatiano-Trauben in Attika produziert wird, hat Retsina weder eine vorgeschriebene geografische Herkunft, noch ist die Verwendung einer bestimmten Rebsorte obligatorisch – nur geharzt muss er sein. Als billiger und allgegenwärtiger „Saufwein“ wurde aus dem Retsina ein nationales Kulturgut, das in jeder Taverne des Landes ausgeschenkt wird – nicht nur in touristischen Lokalen auf den Inseln, sondern auch in den Kneipen von Athen. Retsina – das war der griechische Wein schlechthin. „Der Retsina ist nun einmal ein nationales Kulturgut. Er gehört daher auch irgendwie bewahrt. Aber wenn die Qualitäten durch die Bank schlecht sind, helfen auch keine noch so pfiffigen Marketing-Aktivitäten zur Steigerung des Images. Eigentlich könnte das den Produzenten von anderen Weinstilen egal sein. Doch weil die meisten Ausländer griechischen Wein mit Retsina gleichsetzen, leidet auch das Image aller anderen Weine unseres Landes“, erklärt Yiannis Paraskevopoulos, der Mitbegründer von Gaia Wines. Er hat mit dem Ritinitis Nobilis einen der besten Retsinas der neuen Generation „erfunden“, beim dem fast alles anders ist als bei herkömmlichen Massen-Retsinas.

Der Ritinitis Nobilis wird nicht in Attika, sondern am Peloponnes gekeltert. Statt Sabatiano werden Roditis-Trauben verwendet. Außerdem hat sich Paraskevopoulos intensiv mit der Qualität des Pinienharzes auseinandergesetzt, denn auch hierbei gibt es große
aromatische Unterschiede. „Retsina hat nicht den Anspruch, ein ‚großer‘ Wein zu sein, der mit Reifung zulegen kann. Das muss er auch gar nicht. Er soll ein junger, relativ leichter, erfrischender Weißwein mit einer speziellen aromatischen Note sein. Aber auch ein
einfacher Wein sollte ein guter Wein sein“, meint Paraskevopoulos.

Weißes von den Inseln

Ein paar weiße Alternativen zum Retsina gab es freilich immer schon. Sie sind oft erstaunlich frisch und säurebetont. Von überregionaler Bedeutung ist der hauptsächlich vom Peloponnes stammende Moscofilero, der sich auch bestens zu gegrilltem Fisch eignet. Und auch auf den griechischen Inseln, die den Touristen im Hochsommer oft extrem heiß und trocken erscheinen, wird seit ewigen Zeiten Weißwein produziert. Auf Zakynthos und Kefalonia im Ionischen Meer werden knackige Weißweine aus den Sorten Robola und Tsaoussi gekeltert, die jedoch fast ausschließlich vor Ort getrunken werden. Die wichtigste Weinbau-Insel ist – zumindest was die Menge betrifft – Kreta. Den südlichen Breitengrad gleicht man dadurch aus, dass man mit den Weingärten in die Höhe geht. Auch hier gilt: Wer suchet, der findet. Der „Great Mother Red Mandilaria“ vom Bio-Winzer Giannis Stilianou ist so eine (schwer zu findende) Perle. Durch eine extrem kurze Maischestandzeit von nur einem Tag interpretiert er den oft allzu mächtigen und tanninlastigen Mandilaria-Wein vollkommen neu. Der einzige Weißwein von Stilianou ist ein Gemischter Satz und wurde auf den klingenden Namen „Theon Dora“ („Geschenk Gottes“) getauft.

Alte Rebstöcke im Vulkanboden

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Der berühmteste und wohl auch beste trockene Weißwein Griechenlands stammt von der Vulkaninsel Santorin.
Foto: Christina Karagiannis

Die wichtigste autochthone Rebsorte ist der Assyrtiko, der sehr lebendige Weißweine mit einer komplexen vulkanischer Mineralität und Tiefgang hervorbringt. Die besten Assyrtikons haben auch ein sehr gutes Reifepotenzial. Es zeigt sich, dass eine Rebsorte, die sich über viele hundert Jahre an ihre Umgebung anpassen konnte, besonders gut in der Lage ist, das Terroir zu transportieren. Auf Santorin handelt es sich dabei um einen sehr kargen vulkanischen Boden, der dem Assyrtiko oft eine tiefe Mineralität verleiht.

Geht man durch die kargen Weingärten, wundert man sich, wie die niedrig gehaltenen Rebstöcke das notwendige Wasser finden, wenn rundherum alles verdorrt. Das Geheimnis liegt im Alter der Wurzeln. Auf dem vulkanischen Untergrund hatte die Reblaus bis heute keine Chance, weshalb die meisten Assyrtiko-Reben noch Primärträger aus Zeiten vor der Philoxera-Plage sind. Erreicht ein Rebstock nach rund 40 Jahren einmal das Ende seiner Produktivität, wird nicht neu gepflanzt, sondern eine neue Rebe auf die uralten Wurzelstöcke aufgepfropft. Manche Wurzelstöcke sind über fünfhundert Jahre alt und somit die wohl ältesten der Welt. Dass hier keine billigen Massenweine entstehen können, versteht sich also von selbst. „Natürlich haben wir in moderne Kellertechnik
investiert, vor allem, was die Hygiene und die Temperaturkontrolle betrifft. Die Fermentation erfolgt jedoch nach wie vor ausschließlich über natürliche Hefen“, erklärt Paraskevopoulos von Gaia Wines, die neben dem Stammhaus am Peloponnes auch ein Weingut auf Santorin betreiben. Das Attribut „Wild Ferment“ trägt der Assyrtiko von Gaia Wines daher auch stolz am Etikett. Preislich liegt er mit 25 Euro bei Wein & Co deutlich über dem Gaia-Retsina. Für eine derartige Rarität erscheint der Preis dennoch als Schnäppchen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auf Santorin auch Süßweine produziert(e), die seit Jahrhunderten hochgeschätzt sind. Als Santorin zu Venedig gehörte (1296–1537), wurde der berühmte „Vinsanto“ nach Italien gebracht, wo sein Ruhm weit über die nördliche Adria strahlte. Der Legende nach haben die toskanischen Weingüter ihre großartigen Strohweine (Vin Santo) nach dem berühmten griechischen Inselwein benannt. Kommerziell spielt der originale Vinsanto von Santorin heute nur
eine untergeordnete Rolle – wohl auch, weil die verfügbaren Mengen sehr gering sind.

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Gaia Wines wurde von Landwirt und Önologe Yiannis Paraskevopoulos und Leon Karatsalos ins Leben gerufen.

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Der Start 1994 in Santorini. In Folge wurde expandiert und im Gebiet Nemea auf dem Peloponnes ein zweites Weingut geschaffen, wo vor allem die Agiorgitiko-Trauben hervorragend gedeihen.

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Vinsanto ist der natürlich süße, sonnengetrocknete Dessertwein von Santorin. Auch wenn er eine rote Farbe hat, wird er aus überreifen weißen Trauben hergestellt.

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Die Trauben werden ausgebreitet und mehrere (6-8) Tage unter der heißen Sonne von Santorin getrocknet.

Dieser Prozess ergibt einen konzentrierten, süßen, goldenen Wein mit einem explosiven Aroma von Rosinen, getrockneten Feigen, Honig, Nüssen und Kaffee.

Der Vinsanto-Wein reift jahrelang in Eichenfässern und reift dann noch länger in der Flasche.

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Geht man durch die kargen Weingärten, wundert man sich, wie die niedrig gehaltenen Rebstöcke das notwendige Wasser finden, wenn rundherum alles verdorrt.

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Das Geheimnis liegt im Alter der Wurzeln.

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»Ich bin jedes Jahr mehrfach in der Heimat meines Vaters und verfolge die Entwicklung der griechischen Weinszene mit großem Interesse «

– KONSTANTIN FILIPPOU –

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